St. Andreas-Bruderschaft

DIE ST. ANDREASKAPELLE

Foto: Zur Verfügung gestellt, in Privatbesitz von C.M.St.

Der älteste und engste Verband der Safranzunft, gewissermassen ihre Urform, war die kirchlichen Charakter tragende St. Andreas-Bruderschaft, so geheissen nach ihrem eigenen Gotteshaus, der St. Andreaskapelle, die auf dem noch jetzt nach ihr benannten Platz stand.

Die Bruderschaft zu St. Andreas war die durch Satzungen geregelte grosse Genossenschaft der Krämer und der ihnen angeschlossenen Handwerker zum Zweck der regelmässigen Begehung kirchlicher Handlungen und der aus diesem rein religiösen Trieb sich ergebenden Äusserungen: Sorge für arme und kranke Genossen, Leidfolge und Grablegung, Unterstützung wohltätiger, guter Werke aller Art. Unter den mehr als dreissig Laienbruderschaften, die das mittelalterliche Basel kannte, war die St. Andreasbruderschaft die bedeutendste und die einzige, welche sich des Besitzes eines eigenen Gotteshauses rühmen konnte.

Die früheste Nennung der St. Andreaskapelle fällt in das Jahr 1241. Als alte Gründung der Bischöfe deutlich bezeugt, dürfte ihre Entstehung aber bereits in die Zeit der Besiedelung dieses Stadtteils zu setzen sein. In dem «Wiele» hiess der an der Krämergasse gelegene schmal gevierte Kapellenort, mit dem eine Begräbnisstätte verbunden war.

Im Jahre 1296 übergab Bischof Peter Reich die St. Andreaskapelle dem Petersstift, in dessen Kirchspiel sie lag, um mit dem Vermögen der Kapelle die prekären Stiftseinkünfte zu verbessern und zugleich das kirchliche Verhältnis zu ordnen, indem fortan die Versehung der Kapelle durch einen der Kaplane von St. Peter geschah; 1323 bestätigte Bischof Gerhard von Wippingen diese Vereinigung. Ein Wendepunkt in der Geschichte der Kapelle trat ein, als 1376 Mechtildis, die Witwe des Krämers Hugo von Sarburg, der Kapelle eine Kaplaneipfründe und ewige Messe stiftete. Der Vorstand der Safranzunft erhielt von der Stifterin das Vorschlagsrecht bei der Wahl des Kaplans, das Petersstift das Bestätigungsrecht. Durch diese Stiftung und deren Annahme durch Meister und Sechs zu Krämern war ein bestimmtes Recht der Safranzunft begründet, ein Recht, das sich von der Altarpfründe aus bald über die ganze Kapelle zu erstrecken begann. Derart schuf die Stiftung der reichen Krämerin die Grundlage, auf der die Zunft zur Herrschaft über die Kapelle gelangte. Aus der Pfründenstiftung erwuchs der tatsächliche Zustand einer der Safranzunft vorbehaltenen Kapelle.

Der Unterhalt des Gebäudes wurde durch die Zunft bestritten, wie sie auch den Platz um die Kapelle mit einem Steinpflaster belegen liess. Der Oberknecht zu Safran amtete als Sigrist. Was an wohltätigen Stiftungen zu St. Andreas geschah, ging nicht mehr an St. Peter, sondern an die Safranzunft, deren Häupter für die Ausführung der Legate verantwortlich waren. Der Zunftseckelmeister verwaltete als besonderen Fonds das Vermögen der Kapelle.

Reich flossen die Spenden und guten Werke aller Art aus dem Kreis er Zunftangehörigen für ihre spezielle Kultstätte. Man schenkte Geld grossen und kleineren Beträgen; man gab Waffen, Kleider, Liegenschaften und Häuser; reiche Krämer opferten Silbergeschirr, damit daraus Messkelche gemacht würden. Dem Vorbild der Mechtild von Sarburg folgend, vergabte 1382 Margret, die Witwe des Krämers Hans Stamler, zu ihrem, ihres Mannes und ihrer Vorfahren Seelenheil, der Safranzunft hundert Goldgulden zu den zweihundert Gulden, die ihr Mann schon gestiftet hatte, zur jährlichen Verteilung an die Armen zu St. Andreas. Gleichzeitig vergabte sie zur Wohnung des Kaplans ihren Drittel des Hauses zum Ingwer, dessen zwei erste Drittel ihr Mann bereits zu gleichem Zweck gestiftet hatte.

In ähnlicher Weise stiftete 1432 der Spengler Heinzman Glantz hundert Gulden für die Kaplaneipfründe mit der Bestimmung, falls der Kaplan die Pfründe nicht verdiente, sollten die Zinsen den Siechen zu St. Jakob oder andern armen Leuten zukommen.

Um 1430 schenkte der Krämer Henman Krangkwerk seinen stattlichen Waffenbesitz an St. Andreas.

Weiter schenkte der ehemalige Zunftknecht und Kilchwart zu St. Andreas, Hans Pfirter, der Kapelle sein Haus an der Winhardsgasse, auf dass zweimal im Jahr für ihn und alle Zunftangehörigen das Salve Regina gesungen werde.

Im Jahre 1463 vermachte der Gewandmann Dietrich Krebs der Safranzunft einen Hauptbrief über fünfhundert Gulden Hauptguts und zwanzig Gulden Zinses, davon sie nach seinem Tode Jahrzeiten und Aemter sollte begehen lassen.

Ein Jahr darauf überliess der Kaufmann Heinrich Wiss der Zunft zu Handen der St. Andreaskapelle zwei silberne Schalen und zwei silberne Löffel im Gewicht von zwei Mark Silber, einen vergoldeten Kelch daraus zu giessen.

1471 vergabte Margret Brand, genannt Lostorffin, den Zins von hundert Gulden mit dem Gedinge, dass die Zunft davon jährlich einen halben Gulden in die St. Andreaskapelle verwende, vier Gulden aber Hausarmen und armen Kindbetterinnen gebe.

1479 bedachte Hans Husgow, Domherr zu St. Peter und Kaplan zu St. Andreas, die Kapelle mit einer silbernen Monstranz und einer roten Chorkappe

Zu Ausgang des Mittelalters vergabte der Krämer Hans Iselin und seine Frau Agnes der Zunft 25 Gulden jährlichen Zinses, damit ihm die Zunft täglich zu St. Andreas lesen und jährlich am Montag nach St. Margarethentag seine Jahrzeit begehen lasse.

Die letzte grosse Schenkung an St. Andreas im Betrag von 340 Gulden für Armenspenden vergabte 1519 Clara zum Luft, die Witwe des Wurzkrämers Matthias Iselin.

Die Zunft selbst hatte sich schon 1439 unter die Gönner und Gönnerinnen der Kapelle gereiht durch Stiftung eines Salve Regina, das alle Samstage und an allen Festtagen und zur Fastenzeit an jedem Tag abends durch den Kaplan, den Schulmeister des Petersstifts und vier seiner Schüler gesungen wurde.

Im gleichen Jahre, wenige Monate später, gewährte das Konzil allen denjenigen Ablass, die an gewissen Tagen wahrhaftig reuig die Kapelle besuchten und für die Erhaltung der Kirche hilfreiche Hände boten.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wurde ein Verzeichnis der Vergabungen, Zinsen und Kirchenzierden durch den damaligen Zunftschreiber, den Krämer Hans Altenbach, in einer Papierhandschrift niedergelegt, deren Vorderdeckel ein auf Pergament aufgeklebter farbiger Holzschnitt mit dem Bilde des Schutzpatrons St. Andreas verzierte.

Nicht allein Frömmigkeit und Devotion trieben zu dieser vielfältig geübten Caritas; auch Kunstfreude und Ruhmsinn begleiteten oft solche Dotationen, wie sie besonders in den reichen Kirchenzierden zu St. Andreas zutage traten. Den safranzünftigen Krämern, die in der Fremde und Ferne ihrem Handel nachfuhren, erschien die Kapelle «als das Köstlichste der Heimat, als eine heilige Schatzkammer, in der sie zurückkehrend, alle glänzenden Güter der Welt, Prunkstücke und Reliquien mit Stolz niederlegten».

Ausser Reliquien von über vierzig Heiligen und neben Heiligtümern wie «von dem erdrich, do God Adam uss geschuff» und «von dem erdrich, do God zem hymel fur», nennen die alten Verzeichnisse  silberne Monstranzen und vergoldete Kelche in grosser Zahl, ein grosses, silberbeschlagenes Kreuz, einen silbernen St.Wendelin, einen hölzernen, vergoldeten Arm mit Heiltum von St. Arbogast, Altartücher mit Hednischwerk verziert, seidene Fahnen mit Kreuzen, gestickte Kissen, Evangelienröcke und Messgewänder aus kostbarem Arrasstoff, Becken, Kannen, Lichtstöcke. Der Hochaltar erhielt 1442 eine vergoldete Tafel mit dem Bilde der Mutter Gottes und andern Heiligen. Heiligenfiguren aus Holz und Alabaster schmückten auch die beiden anderen Altäre und den Kirchenraum. Nonnen des Steinenklosters wuschen um Lohn die Paramente der St. Andreaskapelle. Der äussern Prachtentfaltung entsprach das kirchliche Leben, besonders an den hauptsächlichen Festtagen von St. Andreas: an der Kirchweih im September, am St. Andreastag, an der grossen Jahrzeitfeier  für alle verstorbenen Safranangehörigen am Mittwoch, nach Pfingsten. An diesen «hochzeitlichen» Tagen sass der Zunftvorstand in corpore beim Opferstock und nahm die milden Gaben entgegen, indes vor der Kirchtüre, dem Liegeplatz der Bettler und Krüppel, und auf dem schmal gevierten Andreasplatz die Armen der Austeilung der Geld- und Brotspenden harrten. An der Jahrzeitfeier hatten die Frauen der Zunftregenten den Ehrenplatz bei der Bahre inne.

So entrückte im 15. Jahrhundert die St. Andreaskapelle immer mehr der Machtsphäre der Chorherren zu St. Peter und wurde zur wichtigen Angelegenheit der Safranherren, die als eigentliche Pfleger und Patrone der Kapelle auftraten. Freilich vollzog sich dieser Werdegang nicht reibungslos. Ansprüche und Beschwerden derer von St. Peter blieben nicht aus. Im Jahre 1486 erinnerten der Propst und sein Kapitel die Zunft daran, «dass die kappel des heiligen apostel Andres mit aller irer oberkeit, zugehörungen und gerechtigkeit von wylant einem bischoff zu Basel siner stifft, einem probst und capitel zu sant Peter frye gegeben und ingelibt» worden sei. Die Zunft antwortete, es handle sich bei der angezogenen Urkunde um einen alt verlegenen, toten und kraftlosen Brief, «der bitzhar nit gebrucht oder in krefften gegangen». Die Zunft sei willens, die Rechte der Kapelle wie bis anhin zu wahren, gleich wie eine Mutter begehrt «beliben by iren rechten und harkomen». Man einigte sich schliesslich durch einen freundschaftlichen Vergleich, der die Teilung der Opfer- und Almosengelder regelte und die Zunft verpflichtete, nur Kleriker von St. Peter mit der Kaplanei zu betrauen. Die Kernfrage, das Eigentumsrecht an der Kapelle, wurde nur insofern berührt, als die Zunft wie bisher in «stiller gewere» bleiben sollte.

All diese kirchliche Herrlichkeit nahm mit der Reformation ein Ende. Dem Bildersturm der Februartage 1529 fiel auch aus der St. Andreaskapelle zum Opfer, was Künstlerhand geschaffen und frommer Sinn gestiftet hatte: Altäre, gemalte Tafeln, geschnitzte Statuen. Eine einzige bemalte und vergoldete Wandfigur aus Lindenholz, den Märtyrer St. Laurentius darstellend, entging der Vernichtung. Das aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts stammende, hohe Schönheit offenbarende Werk eines unbekannten Meisters gelangte 1910 in den Besitz des Historischen Museums.

Der übrige Kirchenschatz, so weit er nicht zerstört worden war, wurde 1535 verschleudert. Der Zunftvorstand erkannte, «weil allerlei silber, monstranzen, kelch und meschen liechstock und fensterblei und anderes zu sant Andres sei, das man nicht mehr brauche, dass man das verkaufe und den erlös zu anderm gut, so zu sant Andres gehört, anlege und die jährliche nutzung durch Gottes willen verwende». Der Verkauf trug der Zunft 120 Gulden ein.

Um dieselbe Zeit hob der Zunftvorstand auch die alten Vergabungen für Seelenmessen, Jahrzeiten u. dgl. auf und beschloss, die Zinsen «zu Gottes ehre und zum nutzen der armen zu verwenden». So geschah es mit der Stiftung der Clara zum Luft. Die Stiftung des Ehepaars Hans Iselin und Agnes Mänlin wurde auf Ratschlag des Dr. Bonifacius Amerbach 1536 in eine Stiftung zur Aussteuerung bedürftiger Basler Bräute umgewandelt. Die erste Vergabung erhielt 1536 eine Schuhmacherstochter, Margret Leder; bis 1618 wurde regelmässig jährlich eine Braut ausgesteuert.

Nun das weitere Schicksal der Kapelle selbst.

Nach der Reformation scheint sie jahrzehntelang unbenutzt geblieben zu sein. Erst im Jahre 1610 beriet der Zunftvorstand, weil die Zunft keinerlei Nutzen von dem Gebäude habe, ob dasselbe abzubrechen oder zu vermieten sei. Da vom Rat aber der Bescheid kam, dass die Kapelle vielleicht der Obrigkeit zustehen möchte, der Rat also bei einem Verkauf durch die Zunft, die Hand auf den Erlös schlagen konnte, beschlossen die Zunftregenten, vorsichtshalber von einem Abbruch abzusehen und statt dessen die Räumlichkeiten als Lagerstätten auszuleihen.

Zunächst empfing sie der Buchhändler Ludwig König als Lehen. Im Jahre 1614 wurde die Kapelle halb an den Krämer Onophrion Merian und halb an den Handschuhmacher Israel Hertlin gegen je einen Jahreszins von 20 Pfund verliehen. Dabei behielt sich die Zunft das Recht vor, ihr Brennholz einlegen zu dürfen. Da Hertlin 1623 starb, übernahm der Gewandmann Christoph Ottendorf dessen Anteil, den später auch Ottendorfs Erben behielten.

In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts begegnen uns als Beständer Jakob Fäsch, des Bürgermeisters Hans Rudolf Fäschen Sohn, und Leonhard Respinger zum grossen Pfauen. Im Jahr 1705 erklärten Leonhard Respinger und Hans Jakob Fäsch zur Kleyen, die Kapelle künftig nicht länger als auf vier Jahre zum alten Preis (10 Pfund) zu übernehmen. Die fast ausschliesslich an safranzünftige Krämer geschehene Vermietung und das damit verbundene Eintragen von Schwefel, Harz, Branntwein, Oel etc. zeitigte allerlei Übelstände, unter denen die Feuersgefahr unzweifelhaft der schwerwiegendste war. Je länger je mehr wünschte aus diesem Grunde die Anwohnerschaft die Beseitigung des Baues. Durch Jahrzehnte hindurch gingen die Verhandlungen um den stillen Winkel, dessen Eingang im 18. Jahrhundert so schmal war, dass zwei Personen mit zwei Körben nicht aneinander vorbeikommen konnten. Vor lauter Erwägen und Erdauern vor Rat und Zunft blieb alles beim alten Zustand.

Im Jahre 1763 wurde die Kapelle um den jährlichen Bestandzins von 30 Pfund letztmals auf zehn Jahre, an den Spezierer Leonhard Vischer-Birr verpachtet, ohne dass von irgend einer Seite etwas zum Unterhalt des Baues geschah. So verfaulte der Dachstuhl und das Mauerwerk mit Ausnahme der Eckpfeiler verdarb. Im Jahre 1791 ging die baufällige Kapelle mit Zustimmung von Zunft und Rat um vierhundert neue Taler in den Besitz der Anwohner über, die zum Ankauf zweihundert Taler zusammengebracht hatten. Am 17. November 1792 quittierte die Zunft für den Kaufschilling und verzichtete auf alle Rechte an dem Objekt. Mit dem Abbruch der Kapelle verschwand das älteste Wahrzeichen der Safranzunft, dessen letztes Aussehen R. Keller durch eine Zeichnung festhielt.