Zünftige Berufe

SPEISE, TRANK UND TISCHGERÄT

Wenden wir nun unser Augenmerk auf die zu Safran genossenen Speisen, von der Zeit an, da ein Zunftbruder es noch wagen konnte ohne Hosen zu Tisch zu gehen, bis zum Jahrhundert der Perücke.

In der Kochkunst des 15.Jahrhunderts dominieren ausschliesslich Fleisch und Fisch, von letzterem speziell Karpfen, Hechte, Felchen Stockfische und Heringe. Nicht vergeblich gehörten zum Kücheninventar seit 1513 drei grosse und sechs kleine Fischkessel. Merkwürdigerweise kam die Forelle, ganz im Gegensatz zu ihrer heutigen Beliebtheit, und Wertschätzung, bei den baslerischen Tafelfreuden früherer Jahrhunderte hinter Hecht und Karpfen. In den Kuchibüchern ist während des ganzen 16. Jahrhunderts nur einmal von ihr die Rede, als die Zunft ein äusserst respektables Quantum «fornen us dem Wyssendaal», also, Schwarzwälder Forellen, bezog. Auch in den zwei ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, soweit unsere Aufzeichnungen reichen, werden durch den Stubenknecht nur fünfmal Forellen und Aeschen, aber stets, aus dem Wiesental, für den Zunfttisch gekauft. Anders der Salm. Er galt als das erste und vornehmste Schuppenwild, dem die Fischer, seines Wertes eingedenk, sogar die Adelsbezeichnung «Junker» beilegten. Wenn Basel in grossgeübter Gastfreundschaft seine Besucher ehrte, fremde Gesandte, Prälaten und Würdenträger bis hinauf zu des Römischen Reiches Majestät, so durfte unter den üblichen Gastgeschenken nie fehlen.

Eine ganze Menge Marktvorschriften galt ausschliesslich dem Salm, dessen Fang auch während des Hauptzuges von Allerheiligen bis zum Andreastag durch spezielle Verordnungen geregelt war. Und Chronisten weltlichen und geistlichen Standes ermangelten nicht, Teure und Wohlfeile des Vielbegehrten mit der gleichen Wichtigkeit aufzuschreiben wie Misswachs oder Vollernte der Brotfrucht. So wird z.B. als unerhörtes Ereignis gemeldet, dass das im Mai 1473 in Basel tagende Generalkapitel der Dominikaner durchaus nicht von seinem Wunsche abzubringen war, sich einen Salm auftischen zu lassen, obgleich ein solcher gleichviel kostete wie fünfzehn Säcke Roggen.

Der zumeist hohe Preis und die Menge, deren es bedurft hätte, waren wohl lediglich die Ursache, warum der Salm bei den grossen Zunftessen am Neujahr und Aschermittwoch nie in Frage kam. Ein halbes Jahrhundert lang schweigen sich die Kuchibücher über diesen Liebling der Basler überhaupt aus. Das Regimentsmahl vom Jahre 1544 nennt ihn zum erstenmal 5, von da an figuriert er regelmässig unter den Fischgerichten der im kleineren Kreise abgehaltenen Mahlzeiten.

Neben den Fischen spielte das ganze 16.Jahrhundert hindurch, gleichwie im Mittelalter, Fleisch die Hauptrolle. Voran dasjenige des Ochsen, dessen beste Stücke - Lenden und Lummel - mit Speck gespickt die Safranzünftler des 15. Jahrhunderts schon zu schätzen wussten. Wohl kaum zufällig. Geht doch die Erfindung der Spicknadel, die in der kulinarischen Kunst fast eine Revolution bedeutete, auf die Zeit des Basler Konzils zurück, indem sie der Koch des in der Mücke zum Papst gewählten Herzogs Amadeus von Savoyen zuerst anwandte.

Bevorzugt waren zu Safran auch Ochsenzungen, die gesalzen und geräuchert auffallend häufig verspiesen wurden. Ausser dem Rindfleisch kamen dann stets in Betracht Lamm- und Kalbfleisch, während das Schweinefleisch vorwiegend als Spanferkel genossen wurde. Alle Fleischgerichte, bei deren Zubereitung neben Wein und Gewürzen die schon von Albertus . Magnus gerühmte «Peterlinwurtzlin»  Zwiebeln und der durch die Kreuzfahrer nach Mitteleuropa gebrachte «Eschlouch» - die Schalotte - als Küchenzutaten eine hervorragende Rolle spielten, wurden bis ins 16. Jahrhundert ohne Beikost gegessen. Höchstens ging ihnen ein Habermus oder ein graues, durchgeschlagenes Mus (Erbsmus) oder die schon genannte Weinbeerensuppe voraus. Dafür wurden aber zum Fleisch, wie die Ausgabenposten der Kuchibücher erweisen, gewaltige Mengen Brot vertilgt, von dem Sebastian Brant, des Lobes voll, in seinen Tischregeln sagt:

«Ein sterck des Lebens, aller spise
Ein liplich gespons und gemahel wise
On die all spis und Geschmack wer nit
Sie kumet dar in korben wit
Lieplich zu sehen an den ring
Genent panis das ist all ding
Dann sie vor allen dingen gat
Die man versucht und in sich lat.»

Dem Brotbedürfnis zu genügen hatte die Zunft stets grössere Getreidevorräte, oft über hundert Säcke Roggen und Dinkel, in ihren Kornkästen auf Lager. Diese Brotfrucht musste von Zeit zu Zeit ausgeleert und «geworfen» werden, und um sich der gefrässigen Spatzen zu erwehren, wurde in der Roggenkammer ein Vogelgarn fanggerecht aufgestellt.

Je nach dem persönlichen Geschmack wurden an die schon stark gewürzten Fleischspeisen, ob gesotten oder gebraten, von den Gästen noch reichlich Pfeffer und Senf getan. Zu diesem Zweck liess die Zunft 1493 über ein halbes Hundert hölzerne Senf- und Pfefferschüsselchen zum Tischgebrauch anfertigen, die zwei Jahre darauf durch zinnerne ersetzt wurden. Noch im 18. Jahrhundert bestand zu Safran das aus zwei Gewerbsleuten und einem Handwerker bestellte Ehrenamt der «Senfanrichter».

Den Beschluss der im Grunde recht abwechslungsarmen, mehr auf Derbheit und Quantität eingestellten Zunftmahlzeit bildete bis weit ins 16. Jahrhundert hinein ein ebenso einfacher Nachtisch, bestehend aus Käse oder Zieger und Obst, je nach der Jahreszeit Kirschen, Äpfeln und Nüssen. Als seltene Ausnahme paradieren gelegentlich Wähen, Eierwecken, Eierringe und Pfannkuchen; aber vergeblich suchen wir in den Kuchibüchern für das 15. und 16. Jahrhundert nach Fastnachtsküchlein und Leckerli. Das einzige Mal, da ein derartiges Gebäck als Dessert aufgetragen wird, handelt es sich noch um Importware, um zwei Pakete «Nürrenberger lebküchlin», und doch waren die Lebkücher zu Safran zünftig!

So fand die Esslust des Baslers in der fast ausschliesslichen Fleischkost ihr volles Genügen, und diese Vorliebe blieb. Sie äusserte sich gelegentlich recht ungestüm, ja leidenschaftlich, wie im Mai 1531, da die wegen der Fleischteuerung erregte Einwohnerschaft im Tumult drohte, alle Metzger in den Rhein zu werfen.

Eine beachtenswerte Neuerung in der zünftigen Kochkunst brachte die Verwendung des Reises. Er wird in den Kuchibüchern der Safranzunft frühestens am Neujahrsessen 1503 erwähnt. Mit Absicht wohl heisst es von jener erstmals ihn darbietenden Mahlzeit «und hatt mengklich genug gehan und vast wol gelept». Reis war in Basel durch die zur Blüte gelangenden Transithandelsgesellschaften, die sogenannten Condottageschäfte, ein wohlbekanntes Kaufmannsgut, mit dessen Import aus der Lombardei sich beispielsweise die zu Safran zünftigen Irmi bereicherten.

Nach dem Kuchibuch wurde der Reis mit Milch oder Nideln gekocht und stark mit «Tresny» oder «Trisenet», einem mit Zucker gemischten Gewürzpulver gewürzt. Als augenscheinlich begehrte und lecker Fremdspeise figurierte das «Rysmus» als Zwischengericht bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts regelmässig auf dem Festtisch, verschwindet aber seit den 1560er Jahren mehr und mehr aus dem Zunfthaushalt um erst im 17. Jahrhundert wieder zu Ehren gezogen zu werden

Gemüse kam erst seit dem 16. Jahrhundert zu Safran auf den Zunfttisch. 1516 wurden zum erstenmal zu dem gesottenen Rind- und Hammelfleisch als Beiplatte Rüben gegeben. Es handelt sich dabei um Pastinak, ein während des Mittelalters überall gepflanztes, gemeines Würzelgemüse, das erst im 18. Jahrhundert durch die bessere gelbe Rübe gänzlich verdrängt wurde.

Um die gleiche Zeit tauchen auch die Erbsen bei den Zunftmahlzeiten auf. Es hiess zwar von ihnen, dass sie mit den Schalen gegessen viel Feuchtigkeit und Kälte brächten und um die Brust dumpfig machten. Dementsprechend und gemäss dem Mönchsspruch: «Pisa cum pelibus dura visceribus, pellibus ablatis bona sunt pisa satis», genoss man zu Safran die Erbsen geschält oder gerennelt, als «gut grow muoss».

Unter den 1516 erstmals erwähnten «Kefenn»  ist wohl das mit den Hülsen gekochte «Zuckermus» zu verstehen. Aus der Art, wie die Kuchibücher dieses Gemüse stets von den zu Mus gebrauchten grauen Erbsen ausdrücklich unterscheiden und es sogar in Konkurrenz mit dem Salm treten lassen, scheint hervorzugehen, dass es sich dabei für Basel eher um eine Neuheit handelte, wie auch die grünen Erbsen - unser Ausmachmus - erst im 17. Jahrhundert vereinzelt aufgeführt werden.

Von andern Grüngemüsen nennen die Kuchibücher, aber ebenfalls erst im 17. Jahrhundert, miteinander «Binezsch» (Spinat) und «Mangoldkroutt». Salat kam nur ganz ausnahmsweise auf die Zunfttafel so 1567 und 1584. Eine seit den 1520er Jahren eingeführte Neuerung war auch, dass man an Aschermittwoch mit Vorliebe zu den gebratenen Fischen ein «grien krut» servierte.

Endlich ist auch der Rettiche zu gedenken, die von der Wende des Mittelalters an bis ins 17. Jahrhundert regelmässig in den Speisezetteln aufgeführt werden. Neben den Basler Rettichen nennt das Kuchibuch als besonders beliebt die Strassburger Rettiche, denen zwar der derbe Sittenprediger Geiler von Kaisersberg kein gutes Zeugnis ausstellt, indem er sie schlechthin zu den Hurenspeisen zählt, an denen man sich das Fieber esse. Merkwürdigerweise trug man zu Safran die Rettiche nicht als Beilage zu Fleisch auf, sondern stets zum Nachtisch, mit Obst und Käse.

Seit der Mitte der 1560er Jahre, dem Beginne der ersten grossen Refugiantenperiode, macht sich die von den Welschen gebrachte verfeinerte Lebensart auch in der baslerischen Gastronomie geltend. Wohl marschieren an den grossen Jahrmahlzeiten noch immer die einfachen, traditionellen Gerichte auf; aber am Tische der Vorgesetzten und bei den kleineren Zunftmählern vollzieht sich ein Wandel, erwacht die Vorliebe für das Leckere, Köstliche und Fremde und findet mehr und mehr auch bei der ganzen Zunftgemeinde Anklang. Dazu passt auch, dass statt der wuchtigen Tafelmusik der Pfeifer und Trommelschlager die feineren Klänge der Saitenspieler und Geiger belieben.

Wildbret und Geflügel bilden nicht mehr seltene Ausnahmen. Hasen, Rehschlegel und Rehrücken, bisweilen auch eine Hirschkeule schmücken nunmehr die Zunfttafel; auffallenderweise fehlt das Schwarzwild gänzlich darauf.

Vollends aber kommt das Geflügel zu Ehren, voran der Kapaun. Besonders die von Genf bezogenen waren geschätzt; etwa zubereitet an einer Tunke, deren Herstellung uns das aus dem Jahre 1592 stammende Kochbuch der Madlen Platter, Ehewirtin des Stadtschreibers Fr. Ryhiner, verrät:

«Nim ein löfelein voll roswasser, und eins voll essig, und schnätzel eine halbe musgatnuss klein, und thuns in essig und roswasser, und ein löfelein voll zimmet, und eins voll zucker, es soll fein bitzlächt süess sein, thun ein wenig ungeferbte wurzen auch drin, und feisste fleisbrüe, oder brüe aus der brotpfannen, von den kappunen, dann stells auf ein klein glütlin und lass ein wenig köchlen, dann schütts an kappun, wann du ihn anrichtest».

Neben den Kapaunen dann «indianische Hahnen» und Hühner, d.h. der aus Amerika in Europa eingeführte Truthahn und seine Sippe. Er paradiert 1578 erstmals zu Safran an einem besonders opulenten Mahl, welches die Zunft zu Ehren ihres Meisters Lux Gebhartt gab, anlässlich seiner Wahl zum Oberstzunftmeister.

Weiter nennen die Kuchibücher an Geflügel: Tauben, Wildenten, Rebhühner, Fasanen, Schnepfen, Wachteln und in grosser Zahl Kleingeflügel - oft bis zu vierzig Stück - unter der namenlosen Bezeichnung «vogell», worunter wohl Drosseln und Lerchen, denen mit dem Garn eifrig nachgestellt wurde, zu verstehen sind. Diese Liebhaberei kommt auch in der Anschaffung eines fünffachen Bratspiesses «zu vöglen» zum Ausdruck. Auch «Wasserhuenlin» wurden nicht verschmäht, und als seltener Vertreter der gefederten Welt wird sogar einmal ein Pfau verspiesen, der von den Schützen der Zunft verehrt worden war. Das Geflügel wurde meistens gebraten aber, bereits auch zu Pasteten verarbeitet. Wer solchen Genüssen nicht zugetan war, konnte sich an den als Voressen servierten, hausgemachten Brat-, Blut- und Leberwürsten schadlos halten oder an «gedigem» Fleisch und dem seit dem 17. Jahrhundert aufkommenden Sauerkraut. Auf welschen Geschmack zurückzuführen sind auch die nun sich mehrenden Zwischengerichte und Beilagen. An Artischoken und Paradiesäpfeln fanden die Safranherren gut Gefallen wie an den seit den 1570er Jahren ständig erscheinenden Kapern und Oliven, die sich dem einheimischen Meerettich und den eingemachten «Ronen» (Randen) beigesellen. Die grün in Salz eingemachten Oliven, über deren Kultur der jüngere Thomas Platter in der Beschreibung seiner Frankreichreise vom Jahre 1595 so anmutig berichtet, sollten vor allem den Appetit befördern, eine Eigenschaft, welche allein schon die Frucht fast zwangsläufig bei den Zunftgenossen beliebt machen musste.

Dann die importierten Limonen und Pomeranzen. Bekanntlich zog Felix Plater als einer der ersten in Basel Orangenbäumchen, um ihr Produkt offizinell zu verwenden. Nach seinem Haushaltungsbuch trug ihm das über 1300 Pfund Geld ein. Es hat daher seinen guten Grund, wenn der Maler Hans Bock dem Porträt des vielbegehrten Stadtarztes, das sich heute in der öffentlichen Kunstsammlung befindet, ein früchtebehangenes Orangenbäumchen als Staffage beigab. Orangen waren noch in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine so kostbare Frucht, dass nach den Kuchibüchern ein Dutzend derselben im Preis gleich viel galt wie ein fetter Kapaun.

Dass die Pomeranze nicht nur als Obstdelikatesse genossen wurde, sondern eigentlich in der Küche Verwendung fand, belehrt ein Vermerk des Kuchibuches, «alls man den Genffer kappun zerhauwen undt uff eyner kollpfannen undt mit bomerantzen und muscadnous gesütt hatt».

Auch der Nachtisch gestaltet sich reichhaltiger. Das namenlose «ops» wird ersetzt durch gewählte Sorten wie «Regelspiren», «Muscadthellerbirlin», ungarische «Quetschgen» und vermehrt durch Erdbeeren, Kastanien, Trauben. Der Zucker, im 15. Jahrhundert immer noch eine Seltenheit, figuriert 1588 erstmals unter den vom Krämer bezogenen Spezereien. Die Bezeichnung «Canarizucker» deutet auf von den Kanarischen Inseln stammenden Rohrzucker. In enger Beziehung zu ihm stehen Marzipan, Mandeltorten und das leichte, süsse Gebäck der «Gofferen» (Waffeln) und «Hippen», welche nunmehr die währschaften Eierwecken und Ringe zu verdrängen beginnen.

Ähnliches vollzieht sich bei den Getränken. Dem roten und weissen Baselwein der früheren Zeit treten jetzt importierte Edelweine entgegen: Rangenwein, Burgunder, «Allantwin», Lyonischer Muskateller, Vernatzer, Veltliner, Monta Brisantzer, Malvasier, und mit dem südlichen Roussillon endlich wird auf Neujahr der Hippokras hergestellt, offizielle Kostprobe zu Safran seit dem 17.Jahrhundert zu einem kleinen Abendessen, dem heimeligen «Siessen Wein Versuchs » Anlass gab.

Alle diese durch das Erwachen neuer wirtschaftlicher Kräfte und das Eintreten neuer Geschlechter verursachten Neuerungen wirkten sich mittelbar auch im Küchen- und Tafelgeräte sowie in der Ausschmückung der Zunftstube aus.

Den derb einfachen Mahlzeiten des Mittelalters hatte auch der rührend einfache Hausrat entsprochen. Nach dem frühesten Verzeichnis aus dem Ende des 14. Jahrhunderts nannten die Gesellen zum Safran ihr eigen: «... 6 hefen und 7 kessie und 3 pfannen und 3 spis, 1 trifuos und 1 rost und 19 kanen und 5 tischlaken und 6 hantzwellun und 3 fleschun und 2 giesfas und 2 beckie und 1 brotpfannen und 6 schenchgtücher ».

Hundert Jahre später, 1487, besass die Zunft dagegen bereits einen recht stattlichen Vorrat an Küchengeschirr aus Eisen, Kupfer und Messing, an zinnenen Kannen und Platten, sowie an Leinenzeug.

Allgemein ass damals die Bürgerschaft bei festlichen Anlässen aus Schindeltellern, und diesem Brauch blieb die Safranzunft jahrhundertelang treu. Die stete Erneuerung ganzer Bürden solcher leichten Teller bildet einen nie ruhenden Ausgabeposten der Kuchibücher. Mit dem Jahre 1604 verschwinden die Schindelteller; an ihre Stelle traten solidere runde und viereckige Teller aus Eschen- und Ahornholz. Meister und Vorgesetzte assen bereits seit den 1580er Jahren von feinen englischen Zinntellern, die der Kaufhausschreiber Jakob Merede der Zunft vermittelt hatte.

Seit der Neige des Mittelalters bis in die 1620er Jahre hinein bediente sich die Zunftgemeinde des Weines nicht etwa in Zinnbechern von denen weder in den Rechnungsbüchern noch in Inventaren jemals die Rede ist, sondern in billigen, grünen Trinkgläsern. Fortwährend handelt es sich um die Anschaffung solcher «Waldgläser» und «Meiel». Die Zunft bezog sie teils bei Basler Glasermeistern, teils auf den Messen und Fronfastenmärkten von hausierenden «Glasträgern» aus dem Lothringischen und aus den Glashütten des Schwarzwaldes daher der Name «Waldgläser». Der Vorgesetztentisch wurde freilich mit edlerer Ware ausgestattet. Auf Geheiss seiner Herren erwarb der Seckelmeister 1508 für den Herrentisch weisse venetianische Meielgläser und sieben «Minchskepf», wobei der Schreiber in Anbetracht des Preises die Mahnung nicht unterdrücken konnte «und sol Lentz, sorg darzu haben»!

Nun das Zinngeschirr zu Safran. Zinn kam vorerst nur für Kannen, Flaschen, Platten und Schüsseln zur Verwendung. Seit den 1460er Jahren ist in den Rechnungsbüchern unaufhörlich davon die Rede. Bald handelt es sich um Neuanschaffungen, bald muss der Kannengiesser altes Geschirr «blätzen» oder umgiessen. Im Jahre 1492 liess die Zunft durch ihren Ratsherr Mathis Isenly vierundfünfzig zinnerne Platten auf der Frankfurter Messe einkaufen und mit dem Zunftzeichen versehen. Zwei Jahre darauf wurde das Zinngeschirr durch den Ankauf zahlreicher Essschüsseln und Senfschüsselchen vermehrt und auch während des 16. Jahrhunderts beständig geäufnet. Im Jahre 1563 schmolz Meister Griener zu Handen der Zunft einen Grossteil des Zinnzeuges ein und lieferte dafür über einen Zentner neues, mit dem Zunftwappen gezeichnetes Geräte. Endlich erfolgte 1613 durch Meister Michael Hummel nochmals ein grosser Umguss des Zinnbesitzes, der sich fortan aus vielen Dutzenden von Hauptplatten, breitbordigen Platten, welschen Schüsseln, Obstplättlein, Kapern- und Reisplättlein, Senfschüsselchen, geschraubten Salzbüchslein, Tellern, Löffeln usw. zusammensetzte. Erst um diese Zeit, 1614, machte die Zunft auch die erste grössere Anschaffung in Löffeln, acht Dutzend aus reinem Zinn und vier Dutzend «gemischlet». Nur der Vorstand benutzte seit dem Ende des 16.Jahrhunderts silberbeschlagene Löffel und ebensolche Messer, während von Gabeln überhaupt noch nicht die Rede ist.

Endlich das Silbergeräte, vorab in Trinkgefässen zutage tretend. Der älteste nachweisbare Silberschatz zu Safran stammte aus dem Besitz jenes im Haus zur «Gens» niedergelassenen reichen Krämers Heinrich Wiss, der mit seinem Bruder Hans und Henmann Offenburg speziell spanische Grosshandelsgeschäfte betrieb und mit der in der Wirtschaftsgeschichte berühmten Ravensburger Gesellschaft in engen Beziehungen stand. Durch den finanziellen Zusammenbruch seines Bruders und endlose Prozesse an seinem Vermögen aufs schwerste geschädigt, vergabte er ein Jahr vor seinem Tode, 1464, wohl in seiner Eigenschaft als langjähriger Sechser (1437-1465), der Zunft ausser seinem Harnisch zwei silberne Schalen, einen silbernen Becher und zwei silberne Löffel. Während der Becher seinem profanen Zweck weiter diente, befahl die Zunft, Schalen und Löffel zu einem Messkelch umzugiessen, der in die St.-Andreaskapelle gestiftet wurde.

Noch zu verschiedenen Malen liessen im 15. Jahrhundert die Zunftherren bei baslerischen Goldschmiedmeistern Schalen und Becher verfertigen oder Änderungen an solchen vornehmen. So kaufte die Zunft 1476 zwei silberne Schalen und drei Jahre später ein halbes Dutzend derartiger Gefässe. Im Jahre 1491 beauftragte sie den Meister Munzinger auf den silbernen Schalen die «gilgen anderwert zu schmelzen» und auf dem verdeckten Becher den Wappenmann zu verbessern und das Spiesslein zu vergolden.

Wenn aber in den Rechnungsbüchern seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die Ausgabeposten für neue Trinkgeschirre in Edelmetall sich immer spärlicher zeigen, so hat dies seinen Grund darin, dass seit 1481 jeder neugewählte Sechser pflichtig war, drei Gulden an eine Schale oder einen Becher zu stiften. Unter dem Namen «schallengelt» wurde diese Beisteuer jeweilen im Erkanntnisbuch der Krämerzunft eingetragen. Mit der wachsenden Opulenz in Handwerk und Gewerbe liessen sich im 16. Jahrhundert manche Vorgesetzten herbei, statt des Geldes einen in seinem Wert oft weit darüber hinausgehenden Becher zu schenken. Wie weit man die Schlichtheit der ursprünglichen Stiftung der Sechserbecher überbieten konnte, zeigen noch heute die beiden prächtigen Nautilusbecher, der grössere 1676 von Hans Jak. Birr gestiftet, der kleinere ein Geschenk des Onophrion Merian vom Jahre 1690. Auf grossartige Schenkungen gehen zweifelsohne auch der 1579 bezeugte silbervergoldete «Meisterbecher» und der «Ratsherrenbecher» zurück. Der freigebigen Auslegung des 1481 beschlossenen Statuts verdankte die Zunft überhaupt ihren Reichtum an Trinkgeschirren. Während noch im 15. Jahrhundert das Silberzeug der Safranzunft in einer bescheidenen Lade im Hause des amtierenden Meisters aufbewahrt wurde, füllte im 16. Jahrhundert all die schimmernde und funkelnde Pracht einen hölzernen Stufenaufbau, den «Kredenz», dessen Bewachung bei grossen Solennitäten, wo allerlei Volk aus und ein ging, besonders gedungenen Knechten anvertraut war.

Unter den aus dem 16. Jahrhundert stammenden Pokalen galten neben den beiden bereits genannten als besonders wertvoll zwei hohe vergoldete Knorrenbecher im Gewichte von 243 Lot, ein grosser gebuckelter Traubenbecher, ein grosser weisser Kranzbecher mit Knorren, dann eine ansehnliche Zahl verdeckter und deckelloser Becher, vergoldeter «Duplett», alle mit dem Wappen der Stifter geziert. Berühmte Schaustücke, welche die Zunft der Munifizenz freudiger Geber verdankte, waren auch ein vergoldetes Jägerhorn mit einer silbernen Blumenschraube und eine ganz vergoldete 65 Lot schwere Zunftlilie. Vereinzelt verehrte auch ein neuaufgenommener Zunftbruder - neben der Einkaufssumme - der Zunft ein Stück Silber, wie es 1615 Samuel Kennell mit einem schweren, vergoldeten Traubenbecher tat.

Seit den 1560er Jahren begabte auch der jeweilige oberste Stubenmeister die Zunft mit einem kleineren Tischbecher, mit vergoldetem, gestochenem Mundstück, der das Zunftwappen und den Namen des Spenders aufwies. Derart wuchs der Silberbestand zu Safran stetig; er wog zu Ende des Jahres 1622 nicht weniger denn 1312½ Lot, ein Betrag, der sich freilich bis zur Wende des Jahrhunderts - in der Zeit des grössten Luxus  - mehr als verdreifachte!

Noch im 17. Jahrhundert wurde ein Teil dieses Silbergerätes seinem ursprünglichen Zweck entfremdet. Zur Herstellung der heute noch erhaltenen., aus dem Jahre 1696 stammenden Meisterkrone wanderte über ein halbes Dutzend Sechserbecher in den Schmelztiegel, ebenso wurde die 1704 von Ulrich Fechter geschaffene, silbergetriebene Decke des gleichfalls noch vorhandenen Wappenbuches aus entbehrlich scheinendem Zunftsilber verfertigt, während von den einstigen Schaustücken des 16. Jahrhunderts selbst kein einziges bis auf unsere Zeit kam.

Ausser den Trinkgefässen besass die Zunft bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts nur weniges Silbergerät: hölzerne Löffel mit silberbeschlagenen Stielen und Messer mit ähnlichem Heft. Erst 1619 kaufte die Zunft für den Vorgesetztentisch ein Dutzend silberne Esslöffel; das Kostbarste waren jedenfalls die zwei im gleichen Jahre erworbenen hohen silbervergoldeten, mit Amoretten geschmückten Salzfässchen.

Im Laufe des 17. bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahm dann der Luxus des Tafelgeräts immer grösseres Mass an. Aus jener opulenten Zeit stammen gegen dreissig noch vorhandene Bestecke, mit Wappen, Jahrzahl und Namen gezierte Präsente der Irtenmeister.

Aber schon das 18. Jahrhundert begann mit diesem reichen Schatz «zu besserem Nutzen» der Zunft aufzuräumen. Nachdem bereits 1711 ein beträchtlicher Teil dem Goldschmied zum Einschmelzen übergeben. worden war, schritt 1767 der haushälterische Vorstand zu jener unverzeihlichen Vernichtung, der fast der gesamte Silberschatz - 3165¼ Lot - zum Opfer fiel.