Zünftige Berufe

SAMTWEBER

Gleich «Seidengwand» und Brokat war der Samt während de Mittelalters für unser Gebiet italienische Importware und krämerzünftiges Handelsgut, dessen Einfuhr namentlich in Gestalt der leuchtend roten Samtgewebe seit der Renaissancezeit sich gewaltig steigerte. Der Süden mit seiner hochstehenden Seidenindustrie vermittelte im 16. Jahrhundert den deutschen Städten die Technik der kostbaren Samt- und Brokatstoffe. So begründeten 1515 in Ulm zwei unternehmende Bürger, die in Como die Samtweberei erlernten und die Arbeitsvorrichtungen ausmassen, die eigene Produktion. Und in der Zeit der Gegenreformation liessen die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg durch Locarner ihre ersten Samtwebereien einrichten.

Vertriebene Locarner, denen man in Zürich das Bürgerrecht und die Erwerbung von Grundeigentum verweigert hatte, waren es auch, die in den 1560er Jahren die alte Kunst ihrer Heimat nach Basel verpflanzten: Johann Ambrosius Rosalini, Bartholomäus Rosalini, Antonio Mario Besozzo und dessen Frau Clara Orelli, die Samtweberin. Ihnen folgte 1573 Paris Appiano, der Begründer der Seidenfärberei und Samtweberei in Zürich. Gehemmt durch die dort 1568 erlassene strenge Gewerbeordnung, übersiedelte er nach Basel, wo er als Seidenfärber weberzünftig und als Samtverleger 1592 safranzünftig wurde.

Der Basler Rat, anfänglich unschlüssig, wie er sich zu dem neuen Gewerbe verhalten sollte, erbat sich von den Zürcher Mitfreunden eine ausgiebige Kundschaft «betreffend die Lugarner so des sammetwebens aufgenommen worden». Entgegen der Stellungnahme Zürichs, das seine Samtweber bereits durch eine scharfe Handwerksordnung dem Zunftregiment eingegliedert hatte, sah Basel einstweilen von einer solchen Massnahme ab und liess die Samtweberei als freie Kunst gewähren, ohne sie einer bestimmten Zunft zuzuweisen. Diese auffallende Duldung hatte ihre Ursache darin, dass einmal keines der ansässigen Zunfthandwerke durch die Samtweber konkurrenziert wurde und dass zum andern das neue Gewerbe auch Einheimischen eine Verdienstmöglichkeit eröffnete. An Hand der 1599 von den Zünften zu Safran und zu Webern veranstalteten statistischen Erhebung über den damaligen Stand der gesamten Seidenindustrie lassen sich elf Samtweberbetriebe mit zusammen 25 Arbeitskräften feststellen.

Die Mehrzahl der Samtweber nahm die Safranzunft an. Auf ihr finden wir neben der aus Savoyen zugewanderten, kaufmännisch rührigen Sippe der Scherer genannt Philipert auch ganz bescheidene Existenzen von Lyon und aus der Dauphiné, die jahrelang wie Clemens Girodin (Girardin), ja jahrzehntelang wie Hans Hirss, für die grossen Seidenherren als geduldete Aufenthalter gewerkt hatten, bis sie zu Bürgerrecht und Zunft zugelassen wurden. Aus Altburgergeschlechtern lassen sich nur zwei safranzünftige Samtweber, Hans Jakob David und Tobias Frey, feststellen.

In den Zunftakten machen die Samtweber verglichen mit ihren unruhigen Berufsverwandten vom Seidengewerbe nicht viel reden. Die einzige Klage, die vor Zunftgericht gegen einen Samtweber erging, betraf das Abspannen von Arbeitern. Im Jahre 1601 klagte nämlich der aus dem Grossbetrieb der Pellizari hervorgegangene Seidenstreicher Thomas Horn von Vicenza, der seit 1599 einen Seidengarnhandel mit eigener Spinnerei und Färberei betrieb, gegen den Samtweber Jakob Müller, weil dieser ihm Gesinde und Diener abgestrickt habe. Horn verlangte, dass die Leute ihm wieder arbeiten oder «zum Tor hinaus ihres Pfades ziehen» sollten. Solche Rede klang allerdings merkwürdig aus dem Munde eines Mannes, der kaum ein Jahr zuvor erst Bürger und Zünftler geworden war. Horns Verhalten zeigte, wie rasch auch Welsche, wenn sie sich geborgen wussten, sich die Mentalität des exklusiven Zunfthandwerks zu eigen machten. Die Safranherren waren anderer Meinung. Sie erkannten, die drei Diener sollten bei dem Samtweber weiter arbeiten bis auf Grund der in der Ratskanzlei hinterlegten Seidenstreicherordnung ein Entscheid gefällt werde. Da sich dann Horns Beschuldigungen überhaupt als unwahr herausstellten, wurde seine Klage nicht nur abgewiesen, sondern der Kläger in eine Busse von 2 Pfund 10 Schilling Verfällt.

Jahrzehntelang blieb das Handwerk der Samtweber ohne Handwerksordnung. Unstimmigkeiten wegen unredlicher Arbeit bestimmten 1606 seine Vertreter vor dem Safran klagend vorzubringen, wie dass zwei Samtweber unter ihnen seien, welche die Gewebe nicht währschaft machten, indem sie diese wider Handwerks Brauch schmäler webten und «auch floredt anstadt der guotten siden in zettel dragen». Das Handwerk stellte deshalb das Begehren, dass man ihm vergünstige, eine Ordnung zu machen. Der Vorstand gab seine Zustimmung und stellte seine Mithilfe in Aussicht. Es kam aber vorderhand keine Lösung zustande, weil der alte Streit um die Zunftzugehörigkeit der Seide verarbeitenden Gewerbe zwischen der Safranzunft und der Webernzunft neuerdings in den Vordergrund rückte. Nach langwierigen, resultatlos verlaufenden Verhandlungen von Zunft zu Zunft wies der Rat durch seine Erkanntnis vom 10. März 1610 die Samtweber der Webernzunft zu. Nur solche, die neben dem Weben auch Krämerei verführten, offenen Laden hielten, bei Elle und Gewicht ausmassen und Jahrmärkte und Messen besuchten, waren pflichtig, nicht zu Webern, sondern auf dem Safran hoch und nieder zu dienen.

Der Technik halben war für alle, «so schifflein und schemel brauchen», die Eingliederung in die Webernzunft geschehen. Ihr fiel es jetzt auch zu, den Samtwebern eine Handwerksordnung zu geben, die am 7. September 1612 vom Rat bestätigt wurde. Sie sah eine vierjährige Lehrzeit vor. Als Meisterstück hatte der Bewerber seinen Webstuhl selbst aufzurichten, Stück und Geschirr einzuziehen und einen «Lyoner stab» daran zu weben.

Die Währschaft des Samts wurde durch die Vorschrift garantiert, dass zu den nach Länge und Breite fest bestimmten Geweben nur reine, gute Seide verwendet werden durfte. Die Zahl der zu haltenden Stühle und Gesellen wurde im Maximum auf vier, resp. drei Gesellen und zwei Lehrknaben festgesetzt, wobei nur Gesellen mit redlichem Lehrbrief und ehrlichem Abschied dauernd beschäftigt werden durften. Redlich gelernten Hintersassen waren höchstens zwei Webstühle erlaubt; auch durften sie keine Lehrjungen fördern.

Mit dieser Ordnung wurde die ehedem freie Kunst des Samtwebens die beengenden Schranken eines Zunfthandwerks gezwängt. Dies mochte mit ein Grund sein, dass der Basler Samtweberei keine grosse Dauer beschieden war. Kaum ein halbes Jahrhundert vermochte sich dieses spezifische Refugiantengewerbe zu halten. Bereits in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges sank es zu einer Bedeutungslosigkeit herab, die einem Absterben gleichkam. Mehr als ein Samtweber wandte sich einem andern Broterwerb zu, wie es 1633 der originelle Pierre Urbain tat, der als Vertreter eines Genfer Kaufmanns einen Handel mit Konfekt und eingemachten Früchten begann.

Der Versuch des Baslers Albrecht Krug, durch Gründung einer Samtfabrik in den 1720er Jahren die Samtweberei wieder aufleben zu lassen, scheiterte bald an der feindseligen Haltung der Passementer-Meisterschaft dem Unternehmen gegenüber.