Zünftige Berufe

PAPIERER

Vier Jahrzehnte nach der Errichtung der ersten Papiermühle in Deutschland durch Ulman Stromer in Nürnberg (1391), wurde der reiche Ratsherr und Zunftmeister zu Safran, Heinrich Halbisen, der Gründer der Basler Papierindustrie. Im Jahre 1433 erwarb er sich durch Kauf die uralte, vor dem Riehentor am Kleinbasler Teich gelegene Gewerbeliegenschaft «zu allen Winden» und richtete diese zu einer Papiermühle ein. Die konjunkturreiche Konzilszeit und eigene Beobachtungen auf seinen italienischen Geschäftsreisen trieben Halbisen zu diesem Unternehmen, das er und seine beiden Söhne Heinrich und Jakob mit Hilfe italienischer Arbeitskräfte ins Werk setzten.

Zu Ende der 1440er Jahre wurde der Betrieb durch Erwerbung der Rychmühle und der Zunzigermühle an den St.Albanteich verlegt. Heinrich Halbisen d.a. und sein Sohn Jakob starben bald nach der Einrichtung des Grossbasler Geschäftes, das durch Heinrich Halbisen d.j. mit abnehmendem Glück und Erfolg noch zwei Jahrzehnte weitergeführt wurde. Nachdem er schon 1467 notgedrungen die Rychmühle veräussert und seine Kleinbasler Güter verpfändet hatte, verkaufte er 1470 auch die Zunzigermühle und gab 1471 sein Bürgerrecht auf. Damit nahm die autochthone Firma Halbisen ein unrühmliches Ende. Hauptursache des Zusammenbruches waren die Ueberlegenheit und die zäh und rücksichtslos geführte Konkurrenz der Gebrüder Gallizian gewesen, eines zu Ende der 1440er Jahre eingewanderten Papierergeschlechts, das aus seiner piemontesischen Heimat eine schon alte berufliche Tradition und Praxis mitbrachte.

Anfänglich als Hintersassen mit bescheidenen Mitteln begannen Antonio Gallizian und seine jüngeren Brüder Michel und Hans die Papiererei in dem alten Wasserwerk der Ufnaumühle am Rümelinbach vor dem Steinentor, die Antonio 1453 an die Klingentalmühle am St.Albanteich vertauschte, dessen stärkere Wasserkraft für seinen Betrieb grössere Vorteile bot.

1454 erwarb sich Anton, 1455 Michel die Safranzunft und 1457 kauften sich beide das Bürgerrecht, während der jüngste Bruder Hans erst 1461 durch seine Teilnahme an der Ortenberger Fehde Bürgerrecht und Zunft erhielt.

Der Invasion der Gallizian folgten, z.T. durch sie gerufen, bis zu Ende des 15. Jahrhunderts eine Reihe anderer Italiener, die Odere, Pastor, Conmolla (Commora), Gerbera, Pass, Trappo, daneben, noch in spärlicher Zahl, Papierer aus deutschen Landen.

Unter Führung der Italiener wuchs das Gewerbe, begünstigt durch den aufblühenden Buchdruck, mächtig empor. Allen voran der Betrieb der Gallizian, deren hochgestecktes Ziel auf die Unterdrückung jeder Konkurrenz und die Vereinigung aller Papiermühlen in ihrer Hand ging. Nicht nur in Basel, auch draussen, in Ettlingen und Epinal eroberten sie sich mit der Uebernahme von Papiermühlen neue Produktionsorte und Absatzgebiete bis an die Nord- und Ostsee. Tag und Nacht liefen die Papierwerke. In den Kriegsläufen von 1461 musste der Rat verordnen, dass alle Papiermühlen des Nachts stillestehen sollten, damit die Wachen auf dem St.Albantor feindlichen Lärm ausserhalb der Mauern besser hören könnten. Aus den armen italienischen Wandergesellen wurden reiche Leute. Das Geschlecht Gallizian kam zu Ehren und Würden und verschwägerte sich mit angesehenen Geschlechtern, mit den Meyer zum Hasen den Jungermann und Breitschwert.

Die Höhe des Ruhms, aber auch den Beginn schnellen Verfalls erreichte das Geschlecht mit der vetternreichen Generation des vielseitigen Kaufmanns und Zunftmeisters zu Safran, Hans Gallizian, der Basel mehrfach auf der Tagsatzung vertrat, als Offizier mit nach Marignano zog, an einer Gesandtschaft zum König von Frankreich teilnahm, 1521 aber als Haupt der Franzosenpartei und «Pensionenfresser» aller Aemter entsetzt, vor dem Unwillen der Bürgerschaft nach Solothurn floh und die Konfiskation seiner Güter über sich ergehen lassen musste. Mit diesem Absturz verschwanden die Galliziane politisch und wirtschaftlich aus Basels Geschichte. Ihre Papiermühlen gingen in fremde Hände über.

Bedeutsame Vertreter der Basler Papiererei wurden jetzt die Dürr, Heussler, Thurneysen und Dürring, von denen sich namentlich der 1520 safranzünftig gewordene Friedli Hüsler, der Sohn eines Wachtknechtes, zum tüchtigen Fabrikanten. emporzuschwingen wusste. Das in der Folgezeit vergrösserte Geschäft des Ahnherrn erbte sich in der Familie ununterbrochen vom Vater auf den Sohn fort und nahm jahrhundertelang im Papiergewerbe weit über Basel hinaus eine beherrschende Stellung ein.

Welcher Art war nun der Arbeitsprozess, wie er bis zum 19. Jahrhundert in den Papiermühlen zu St.Alban vor sich ging? Zur Papierbereitung fanden Lumpen oder Hadern von Leinen und Baumwollzeug Verwendung. Rat und Zunft garantierten durch die Kaufhausordnung für die Beschaffung der Rohprodukte, indem den hiesigen Papierern ein Vorkaufsrecht auf Lumpen und Leim resp. Leimleder eingeräumt war. Ihren selbständigen Import durften sie mit Umgehung des Kaufhauses direkt in ihre Häuser führen. Dort besorgten Weiber zunächst das «Zerren der Lumpen», d.h. diese wurden von Hand sortiert, ausgestäubt und in kleine Stücke zerschnitten. Dann wurden die so zerkleinerten Hadern in der Walke einer Reinigung unterzogen. Die von der Wasserkraft des Teiches getriebenen Walkehämmer setzten die in heisse Lauge eingelegten Lumpen in beständige Bewegung, damit alle Fasern mit der Lauge in Berührung kamen und dadurch alle Verunreinigungen und Farbstoffe daraus entfernt wurden. Darauf folgte die Zerlegung der Lumpen in eine ganz fein zermalmte Masse, Zeug genannt. Dies geschah durch das ebenfalls vom Teich getriebene «Geschirr» oder Stampfwerk, das mit seinen Stempeln die Hadern so lange bearbeitete, bis sie ganz zerfasert waren und unter Zusatz von Wasser den gewünschten Brei bildeten. Er kam nun in die Schöpfbütte, einen runden, hölzernen Bottich, mit einem breiten, abhängigen Rand, der «Traufe». Ueber die Bütte lief ein Steg und an jedem Ende desselben stand ein Arbeiter. Der eine, der «Schöpfer» handhabte die Form, einen hölzernen Rahmen mit feinem Drahtgewebe überzogen, in das auch das sogenannte Wasserzeichen, d.h. die Fabrikmarke des Papierers, eingeflochten war. Der Schöpfer tauchte die Form mit dem darauf gelegten, leicht abhebbaren Deckel mit beiden Händen in die Bütte, schöpfte damit eine gehörige Menge Papierstoff und rüttelte die Form so, dass sich der Papierstoff gleichmässig darauf verteilte. Dann schob er die Form, ohne Deckel, dem ihm gegenüber stehenden Knecht, dem «Kautscher», zu und dieser drückte sie, nachdem er sie erst zum gehörigen Abtropfen an ein schiefe s Gestell, den «Esel», anlehnte, auf einen Filz ab, so dass die Papiermasse darauf als «Bogen» hängen blieb. Filz um Filz wurde aufeinandergelegt. Ein ganzer Stoss hiess «Pauscht», der zwischen zwei Bretter gelegt, unter einer starken, mit einer Seilwinde verbundenen Presse zum Auspressen kam. Auf das Pressen folgte das besondere Sorgfalt erheischende Trocknen der Bogen auf der «Henkibühne», wo eine Menge Seile parallel neben- und übereinander aufgespannt waren. Als wichtige Arbeit schloss sich das namentlich für das Schreibpapier unerlässliche Leimen an, zu welchem Zweck das Papier in eine Auflösung von Leim und Alaun getaucht, dann von neuem getrocknet und gepresst und schliesslich sortiert und gezählt wurde.

Seit den 1520er Jahren führten die hiesigen Papiermühöen an Stelle des bis dahin gebräuchlich gewesenen Ochsenkopfes als Schauzeichen den Baselstab; überdies gaben einzelne Papierer ihrem Fabrikat als Wasserzeichen ihre besondere Meistermarke, um damit noch persönlich für ihre Arbeit einzustehen. Umso auffallender und – vielleicht als Zeichen eines temporären Niederganges zu deuten – ist der im April 1536 vor Rat zur Verhandlung gekommene Schaumarkenstreit, dadurch heraufbeschworen, dass die Basler Papierer den Berner Mutz der blühenden Worblaufener Mühlen als Wasserzeichen usurpierten. Vom Rat zur Verantwortung gezogen, erklärten die Fehlbaren, auch anderwärts komme der Berner Bär zur Verwendung. Der Berner Rat liess aber diese Ausrede keineswegs gelten und verbot sich energisch die Benützung seines Ehrenzeichens als Handelsmarke, da «es kein gestallt hatt, koufmans war unnder frömbd zeichenn also darzestellen, verkouffenn und vertriebenn».

Vier Jahrzehnte später waren die Basler Meister ihrerseits in der Lage, sich wegen Usurpation des Baselstabes zu beschweren. In ihrem Interventionssehreiben an den Rat vom 20. Januar 1576 klagten die sechs Papierer Jakob Thurneysen, Gallus Kielhamer, Peter Dürring, Niklaus Heussler, Hieronymus und Niklaus Dürr:

«Wiewohl der baselstab nie anderswo als von den meistern allhie zu Basel in dem papier geführt worden, sondern ein jedes papier unter dem zeichen, da es gemacht, verkauft worden, so erfinde sich doch jetzmalen, dass der baselstab nicht allein in deutschen landen, wie im Solothurner gebiet, in der Markgrafschaft, zu Freiburg im U. und Breisgau, Colmar, Sennheim, Altenthann, sondern auch in welschen landen als zu Spinal, Mümpelgart und welsch Neuenburg in das papier gemacht und also unter dem schein, als ob es Basler papier sei, verkauft werde.

Dieweil dann solches uns, als die das papier ufs best machen, nit kleinen schaden, sondern grossen nachtheil gebirt, es auch nit allein unsern alten ordnungen zuwider, sondern unsern vorfahren vergangner zyten, nachdem sie den bären uf das papier gefürt, aus anhalten der herren von Bern allerdings abgestrickt und den baselstab in das papier zu befohlen worden.»

Sie verlangten vom Rat Hilfe zur Abstellung dieses Missbrauches, «damit ein jede statt und fleckhen, sie werden genant wie sie wöllen, by iren papyren den basellstab im papyr usslassend und iren stett oder fleckhen zeichen, gleich wie wir zu thun schuldig, dorin setzen thüegen, also dass ir papyr nit under dem schein verkaufft und hingeben werde».

Der Rat nahm sich denn auch seiner Papierer an, mit gutem Erfolg bei den Städten und Orten, die Basels Freundschaft nicht entraten konnten, während die Verhandlungen mit Lothringen den Basler Papierern solche Kosten verursachten, dass sie entmutigt von weitern Schritten absahen.

Als die Basler Industrie sich wegen Nachahmung ihrer Handelsmarke derart wehren musste, genossen die Erzeugnisse ihrer Papiermühlen « Ruhm, Ehre und Preis ». Wohl war in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts durch den beginnenden Niedergang der Buchdruckerkunst auch der lokale Druckpapier-Absatz stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Aber mit Geschick und Glück hatten sich die Papierer mehr und mehr auf die Produktion von Schreibpapieren verlegt und nahmen durch die Belieferung der Strassburger und Frankfurter Messen in steigendem Masse am Weltmarkt teil. Dank der Geschäftstüchtigkeit seiner Erzeuger galt das Basler «Canzleipapier» landauf, landab bald als das beste. Dies erweckte den Neid des jüngern Frankfurter Papiergewerbes, das vereint mit den badischen Fabriken in Heidelberg, Ettlingen und Freiburg in den 1590er Jahren durch einen verschlagen geführten Kampf die alteingesessene, blühende Basler Industrie niederzuringen gedachte.

Anlass und Vorwand zu diesem von langer Hand abgekarteten Streithandel gab das sogenannte Gesellengeschenk, das bei den Papierern des deutschen Reiches sich einige Jahrzehnte zuvor eingebürgert hatte. Die Mehrheit der Basler Meister wollte von dieser Neuerung nichts wissen. Nur der ränkevolle Niklaus Dürr, der mit seinen Mitmeistern nicht auskam, nahm sie an. An ihm fanden Basels Gegner eine willkommene Stütze; war er doch bei der Anzettlung der grossen Intrige und während der ganzen Hetze ihr gefügiges Werkzeug. Mit Dürrs Hilfe gelang es den Frankfurtern, die Gesindesperre über die Basler und die ebenfalls geschenkweigernden Strassburger durchzusetzen. Wandernde Gesellen, die trotzdem bei einem solchen Meister in Kondition traten, wurden gleich dem Meister für unehrlich erklärt und verschrien. Höhnisch spottete Dürr, kein Kaiser, noch König, noch Fürst sei imstande, gegen den Willen des deutschen Handwerks aufzukommen!

In dem tatkräftigen Niklaus Heussler, dem Haupt der Basler Papierer, fand Dürr aber seinen Meister. Es gelang Heussler, den Basler Rat von der Gemeinschädlichkeit und den unheilvollen Konsequenzen des Schenkzwangs zu überzeugen. Im Oktober 1594 verbot der Rat die «unfugter weis, aus neid und trotz» geschehene Neuerung.

Schon zeigten sich in einem empfindlichen Gesindemangel die Folgen der von Frankfurt, Heidelberg, Ettlingen und Freiburg aus überall hin verschickten Verrufserklärungen gegen die Basler. Da liess Heussler die Hauptanstifter zu Frankfurt wissen, dass die Basler Meister nicht gewillt seien, das an ihnen begangene Unrecht hinzunehmen, «dan wir zur errettung unserer ehren hierüber wollen gahn lassen unser guott und bluott».

In einem weitern Schreiben vom 4. Juli 1595, das mit Umgehung der diplomatischen Gepflogenheiten direkt an Bürgermeister und Rat von Frankfurt gerichtet wurde, erklärte Heussler kurz und bündig das dortige Papiererhandwerk für unredlich, so lange die den Baslern angetane Schmach nicht von ihnen genommen sei. Schon drei Wochen später konnte der Frankfurter Magistrat den Baslern die erfreuliche Kunde melden, dass die Frankfurter Papierer den Widerstand aufgegeben hätten, ja sogar erbötig seien, das Gesellengeschenk abzustricken. Damit war in diesem weitausschauenden Berufshandel Basels Ehre gerettet, nicht aber die des Ränkeschmiedes Niklaus Dürr, gegen den Mangels Beweis nicht weiter vorgegangen werden konnte, der aber fortan, gleich einem eidbrüchigen Verräter, von seinen Berufsgenossen, selbst von seinem eigenen Bruder, Hieronymus Dürr, beruflich und gesellschaftlich gemieden wurde. Der überraschende Ausgang dieses gewerblichen Kampfes stärkte entschieden Ansehen und Bedeutung des baslerischen Gewerbes, das mit seinen sechs Mühlen und mehr als zwei Dutzend Knechten «wohl das stärkste Papiererhadwerk der deutschen Papierproduktion jener Zeit» repräsentierte.

Bald nach dem obgenannten Handel erschlossen sich die Basler Papierer ein neues Absatzgebiet durch einen Kontrakt mit dem holländischen Kaufmann Cornelius Lochorst zur Einfuhr von Basler Papier nach Holland. Erfüllungsorte waren Strassburg und Frankfurt. Der Transport auf dem Rhein mit seinen häufigen Schiffbrüchen brachte aber den Baslern erhebliche Verluste, so dass sie 1598 den Vertrag nur unter der Bedingung erneuern wollten, dass Basel als Erfüllungsort festgesetzt werde. Um dem einheimischen Gewerbe das holländische Absatzgebiet zu erhalten, gewährte der Basler Rat den Sendungen Zollermässigungen. An Lochorsts Handelskompagnie, die unterdessen in Holland das staatliche Monopol auf den Papierimport erlangt hatte, lieferten nun die Basler Papiermeister kraft eines zwanzig Jahre geltenden Vertrags für die Verwaltung der Generalstaaten und für private Bezüger alles Schreib- und Kanzleipapier.

Auf die Sicherheit ihres Vertrages pochend, liessen es die baslerischen Lieferanten aber mit den Jahren an der Qualität mangeln, um gesteigerten Gestehungskosten gegenüber dem vereinbarten Preis auszugleichen. Reklamationen der Abnehmer waren die unliebsame Folge; durch ein offizielles Schreiben der Generalstaaten wurde der Basler Rat auf die Übelstände wegen des schlecht geleimten Papiers aufmerksam gemacht. Die Papierer gaben gewisse Mängel und Gebrechen mehr oder weniger zu, wiesen aber ihrerseits auf die unmenschliche Ausbeutung durch die holländische Kompagnie hin, die einem armen Meister «das gemarg uss den beinen ziehe»!

Der Basler Rat nahm die Sache sehr ernst, drohte doch durch solch laxes Geschäftsgebahren «die ansehnliche, verrühmte handlung ganz und gar zu boden fallen». Von einer vorzeitigen Auflösung des Verkommnisbriefes, wie sie die Papierer wünschten, wollte Basels Obrigkeit durchaus nichts wissen. Zwar anerkannte der Rat, dass die Preise für die Rohprodukte - Lumpen und Leim - bedeutend höhere seien als zur Zeit des Vertragsabschlusses; gleichwohl hielt er seine Papierer an, das Abkommen in «Gottes Namen» noch die zwei Jahre bis zum Ablauf des Vertrags (1618) in Treue zu erfüllen. Um währschafter Lieferung sicher zu sein, setzte er für die noch laufende Frist eine Papierschau ein, die jede Sendung vor Abgang auf ihre Güte zu prüfen hatte.

Mit dem Dreissigjährigen Krieg kamen für die Basler Papierer wirtschaftlich schwierige Zeiten. Die dauernden Kriegsläufe lähmten den Export und bewirkten unerschwingliche Preise für die Rohstoffe. Was Wunder, wenn die Meister minderwertige Fabrikate herstellten. Damit war aber die städtische Regierung nicht einverstanden. Sie hielt den fehlbaren Fabrikanten Peter Dürring, Niklaus Heussler und dessen Sohn Friedrich, Johann Dürring und Jakob Heussler die obrigkeitliche Unzufriedenheit über das in die städtische Kanzlei gelieferte Papier mit aller Deutlichkeit vor Augen und betonte, wie eine solche Geschäftspraxis auch an fremden Orten der Stadt Basel «ein bessen nammen» bringe. Unter Androhung der hohen Strafe von hundert Gulden wurden die Meister verwarnt, besser geleimtes Papier, das nicht durchschlage, in den Handel zu bringen.

Gleichzeitig wies die Ratserkanntnis die Papierer an, ihre Knechte und das weibliche Gesinde, vermöge der alten Ordnung, mit Lohn und Nahrung so zu halten, dass diese Leute weder dem grossen täglichen Almosen und Spital, noch der Bürgerschaft mit «Kinderbettel» zur Last fallen. Man werde darum die Papiererknechte weder im Almosen noch im Spital dulden; die Meister hätten von ihrem Gesinde grossen Nutzen und sollten es dementsprechend lohnen. Auch sollten inskünftig nur noch ledige Knechte eingestellt und Zuwiderhandelnde mit hundert Gulden gebüsst werden

Diese Missstände lassen erkennen, dass die materielle Stellung der Papiererknechte und ihrer mithelfenden Weiber keine beneidenswerte war. Hatte doch schon 1616 der Rat sich veranlasst gesehen, bei den Papierern auf bessere Lohnverhältnisse zu dringen. Die Meister behaupteten zwar, es handle sich bei diesen Papierergesellen, die durch ihr Almosenheischen die Stadtinsassen belästigten, um arbeitsscheue Elemente. Um auf keinen Fall irre zu gehen, befahl denn auch der Rat, solche bettelnde Papierer ans Schellenwerk zu stellen und «nach verspürtem ernst» zur Arbeit anzuhalten. Das verhinderte nicht, dass die Papiererknechte mehr und mehr der Inbegriff sozialen Elendes wurden. Trotzdem trachteten sie, gleich den Gesellen anderer zünftiger Handwerke, eine Berufsehre geltend zu machen, freilich nicht immer zu ihrem Vorteil. Als 1609 Meister Peter Dürring einen gewissen Lorenz Claus als Knecht in seine Mühle aufnahm, wollte ihn die Gesellenschaft nicht für redlich gelten lassen, da er angeblich auf dem «Navarrazug» zu dem er ausgelegt gewesen, ein Haus in Brand gesteckt habe. Da sich die Beschuldigung als unwahr ergab, wurde die Gesellenschaft vom Zunftvorstand um acht Gulden bestraft und ihr zugesprochen «fürder bedächtlicher zu handeln und mein herren nicht so schimpflich zu bemühen».

Von den eingesessenen Papiererfamilien - von denen die Dürr der Ungunst der Zeit erlagen und die Dürring in Lausen neuen Boden fassten - wussten sich im 17. und 18. Jahrhundert die Heussler geschäftlich am besten zu halten. Freilich hemmte auch bei ihnen törichter Konkurrenzneid innerhalb der Sippe selbst und engherziger Zunftgeist ein rationelles Zusammenarbeiten gegen die ausländische Ueberproduktion, liessen es doch die beiden blutsverwandten Linien 1727 zu einem offenen Streit kommen. Das kam so. Niklaus Heussler-Studer bestrebt, seinen Betrieb den Errungenschaften der Technik anzupassen, hatte an Stelle seines alten Stampfwerkes eine leistungsfähigere Maschine, eine sogenannte «Holländer» einbauen lassen und wurde deshalb von seiner Verwandtschaft und den übrigen Papierern vor Rat verklagt unter Berufung auf einen am 27. Oktober 1510 erlassenen Ratsbeschluss, der die Einführung von «nachteiligen Neuerungen in den Papiermühlen» verbot. Zwar bestritten die Kläger keineswegs die Vorzüge der Erfindung, deren sich die ausländische Papierindustrie schon längst bediente. Aber gerade darum, weil eine solche Maschine dreimal soviel leistete, wie eines ihrer alten Geschirre glaubten sie aus «Gewissensgründen» deren Benützung hintertreiben zu müssen. Der Rat als oberste Instanz angerufen, riet zu einem gütlichen Vergleich und umschiffte damit die Klippe eines prinzipiellen Entscheides. Solche Kurzsichtigkeit, wie sie in diesem Händel der Papierermeister zutage trat, musste die Leistungsfähigkeit des Gewerbes lähmen und Jakob Sarasin zum Weissen Haus hatte wohl nicht Unrecht, wenn er einige Jahrzehnte später in einer Abhandlung über den wirtschaftlichen Rückgang Basels für diesen das ängstliche Festhalten an überlebten Privilegien mitverantwortlich machte. Zwei Jahre vor Beginn der Staatsumwälzung von 1798 erlosch nach einer glänzenden Vergangenheit das alte Heusslersche Stammgeschäft unter unrühmlichen Verhältnissen