Zünftige Berufe

BUCHFÜHRER (BUCHHÄNDLER)

In den 1480er Jahren – in demselben Jahrzehnt, da die erste Gruppe der Drucker safranzünftig wurde – kauften sich auch die ersten Buchhändler die Gerechtsame der Krämerzunft und traten mit der jungen Buchdruckerei in das wirtschaftliche System der Stadt ein. So 1482 Johannes Walther der «buocheverkouffer» von Mindelheim, dann von 1486 bis 1488 die «Buchführer» Michel Springlin, Wolf Krüss, Martin Lebart und Wolfgang Lachner. Sie nannten sich Buchführer, weil sie mit Büchern nur handelten, ohne gleichzeitig solche zu produzieren.

Der Ruhm des Basler Buchgewerbes bahnte sich seinen Weg auch im Buchhandel, im Verkehr mit aller Welt. Die grossen Drucker wurden immer häufiger auch Verleger. Ausserdem ging die Verlegerei, auch in die Hände solcher über, die nur Händler und nicht auch Drucker waren, sondern sich ausschliesslich mit dem Verlagsgeschäft abgaben.

Die ungebundene Initiative des Buchdruckergewerbes mit ihrem mächtigen Export lokaler Produktion nach deutschen und welschen Landen bot den Buchhändlern hundertfältig Arbeit. Sie beschränkte sich nicht nur auf den Vertrieb der hiesigen Drucke. Von allen Seiten her kamen Wagenladungen von Büchern hier zum Verkauf zusammen. Hiebei ist nicht nur an den Vertrieb wissenschaftlicher Publikationen zu denken, sondern der rastlose Buchdruck schuf daneben auch eine populäre Literatur erbaulicher, unterhaltender und unterweisender Art, die als Buch, Kalender, Flugblatt und Bilderbogen unter die Masse kam. Gegen solche Erzeugnisse richtet sich beispielsweise die briefliche Klage des Humanisten Beatus Rhenanus wegen der ihrer Sache nicht gewachsenen Buchführer, «die meist nur den Schund feiltragen».

Der Büchervertrieb vollzog sich in mannigfaltigen Formen: auf Markt und Messe in Basel selbst, am Lager der Druckerherren, bei Buchbindern und durch Kolportage. Der älteste ständige Buchladen Basels befand sich in dem gotischen Gaden des Zunfthauses zum Schlüssel. Als seine Inhaber lassen sich seit 1488 Buchbinder, Buchführer und Buchdrucker nachweisen. Zu Ende des 16. Jahrhunderts richtete dort der hervorragende, 1570 safranzünftig gewordene Sortimenter Glade Mieg aus Strassburg seine Buchhandlung ein.

Der Absatz im Grossen, vielfach durch Austausch unter den Verlegem getätigt, geschah vor allem auf den Büchermessen von Frankfurt und Leipzig. Diese gaben im 16. Jahrhundert dem deutschen Buchhandel die feste Organisation und das Gepräge. Frankfurt und Leipzig, aber auch die Messen von Strassburg und Nördlingen, brachten den Basler Verlegern und Händlern das grosse Geschäft und die weite Wirkung, deren sie bedurften, da Basel selbst zu klein war, um seine mächtige Eigenproduktion zu absorbieren.

Auf den Messen wurden mit deutschen und wälschen Berufsgenossen Geschäftsbeziehungen angeknüpft und gepflegt. Die Messetermine regelten das Kreditwesen, die Zeit der Abrechnung, die Fälligkeit von Exstanzen und Honoraren. Es gehört mit zum Ruhm der «nobilis Basiliensis libraria», dass die Buchhändler oft die Träger und Besteller des Gelehrtenbriefwechsels waren. Die Frankfurter Fasten- und Herbstmesse waren die Zeiten, da Erasmus von Rotterdam durch die Vermittlung von messebesuchenden Baslern die grössten Briefsendungen erhielt.

Der baslerische Buchhandel erschloss sich in seiner Glanzzeit auch Absatzgebiete in Frankreich. In Paris erstanden in der rue St. Jacques besondere, mit dem Baselschild und den Basilisken gekennzeichnete Faktoreien, in deren Gewölben sich die Druckwerke der Humanistenzeit aufschichteten. Ebenso war Basel mit Lyon, dem grossen Büchermarkt Südeuropas, geschäftlich eng verbunden. Lyoner Drucker und Buchhändler wie Hans Wangriss (Vaugris) und Michel Permenthie (Parmentier) kamen nach Basel und wurden zu Safran aufgenommen. Als tätigster Repräsentant des Basler Buchgewerbes in Frankreich hat Johann Schabeler genannt Wattenschnee zu gelten. Aus den württembergischen Bottwar eingewandert, immatrikulierte er sich 1473 bei der Universität. Ein Jahrzehnt später war er als Drucker in Lyon tätig. Im Jahre 1495 erhielt er das Basler Bürgerrecht, nahm gleichzeitig als Jakob von Brunns Tochtermann die Safranzunft an und kaufte sich das Haus zum goldenen Ring am Fischmarkt. Seine Haupttätigkeit verlegte er aber nach Lyon, wo er ein Geschäftshaus mit dem Baselschild «à l'écu de Bâle» besass und sich auch in zweiter Ehe mit Claudia Vaugris, einer Verwandten des vorgenannten Druckers und Buchhändlers Hans Vaugris, verheiratete. Auch in Paris war er als Verleger tätig, verliess aber diese Stadt fluchtartig, um seine Frau den Nachstellungen des Königs Franz I. zu entziehen Wattenschnee verlegte sein Standquartier zu Ende der 1510er Jahre nunmehr nach Basel, wo er als «Buchherr» in stattlichem Haushalt lebte. Wie Wattenschnee gehörte auch der durch Blutsbande ihm nahestehende Konrad Resch, der 1522 zunftgenössig wurde, zu der vorab das französische Geschäft pflegenden Buchhändlergruppe. Basel spielte aber auch im italienischen Buchhandel, dessen Hauptsitz Venedig war, seit den 1490er Jahren eine Rolle. Ueber Basel und durch seine Buchhändler ging damals die Vermittlung der kostbaren Klassikerausgaben des berühmten Druckers Aldus im buchhändlerischen Verkehr Deutschlands mit Italien.

Keine kleine Sorge der Buchhändler war das damalige Speditionswesen. An selbständigen Transporteuren, deren Wagen sechs- und mehrspännig fuhren, scheint Basel Mangel besessen zu haben, gegenüber Strassburg, dessen Fuhrleute von den grossen Druckern vorgezogen wurden. Nach Frankfurt gingen die Ladungen meist auf den Rheinschiffen. Die Bücher wurden stets ungeheftet versandt, gewöhnlich in Fässer, seltener in Lederballen verpackt. Unwetterschäden, Unsicherheit und Unfriede der Landstrasse gehörten als unabwendbare Beigaben zum damaligen Speditionsbetrieb.

In den durch Lasten und Verbindlichkeiten, Mühe und Streit vielfach geplagten Buchhandel sehen wir seit dem 16. Jahrhundert nun auch Rat und Zunft regelnd, schlichtend und schätzend eingreifen. Bereits im Jahre 1526 schränkte der Rat die fremde Konkurrenz im Einzelverschleiss ein. Weil den hiesigen eingebürgerten Druckern und Buchführern durch die fremden Buchführer und ihr tägliches Zutragen und Feilhaben merklicher Schaden zugefügt wurde, sollte keinem Fremden mehr als zwei Tage innert Monatsfrist feilzuhaben vergönnt sein.

Einen prinzipiellen Entscheid zu Gunsten seiner zünftigen Buchhändler traf der Safran 1540 auf die ergangene Klage der beiden Buchführer Rudolf Deck und Konrad Resch. Diese beschwerten sich, das Hans Kolross der «Deutsch schulmeister der knaben» und Stoffel Wisgerwer der Mägdleinlehrer ein «gemein namenbüchlein» gemacht und in Druck gegeben hätten. Sie gäben nun ihr Büchlein den Kindern zu kaufen und liessen nicht zu, dass andere Namenbüchlein benützt würden. Die Zunft bestritt keineswegs das Recht, dass jeder Lehrmeister derartige Bücher schreiben und drucken lassen könne, bei wem er wolle; hingegen untersagte sie den Lehrmeistern den Kauf bei Ballen, Ries oder Buch, weil Kauf und Verkauf lediglich dem Zunft dienenden Gewerbe zukomme.

Eine mehrfach zu Konflikten führende Angelegenheit betraf die Beschäftigung von Buchbindern in Buchhändlergeschäften. Dagegen wandten sich 1571 nicht nur die Buchbinder Andres Langhans und Daniel Thillboum, sondern auch zwei Buchhändler, Konrad Harscher und Glade Mieg. Zwar hatte die Zunft schon früher einen förmlichen Beschluss erlassen, dass kein Buchführer in seinem Geschäft mit Gesellen oder Lehrlingen Buchbinderei treiben dürfe, ausser was er mit eigener Hand binde. Der wegen dieses beruflichen Vergehens von den vier Obgenannten vorzeigte Buchhändler Josias Mechel entschuldigte sich damit, es sei ihm von einem guten Herrn aus Nürnberg ein Knabe zugeschickt worden, dem habe er zu werken gegeben bis er ihm einen Meister finde. Die Zunft liess aber diesen Vorwand nicht gelten, sondern büsste Mechel um zwei Gulden und erneuerte ihre vormals erlassene Erkanntnis.

In vermehrtem Masse machte Glade Mieg dieses Verbot 1576 gegen seinen Berufskollegen Christoph von Sichem aus Amsterdam geltend, der in seinem Buchladen Buchbinder, Formschneider und Illuminierer beschäftigte. Das Vorgesetztenbott strickte ihm all dies ab und verbot ihm, ohne Anzeige an die Zunft, sich mit fremden Gemeinschaften zu beladen.

Im 17. Jahrhundert wurde mit dem 1593 von Zürich zugewandterten Ludwig König ein Buchhändlergeschlecht heimisch, das fünf Generationen hindurch in Druck, Verlag und Sortiment sich neben den Besten seiner Zeit sehen lassen durfte. Der eine, Ludwig III König, war freilich der Safranzunft nicht zu Willen. Er wurde von ihr 1655 beim Rat verzeigt, weil er, entgegen dem Vorgehen seines Vaters, Emanuel, und seines Grossvaters, Ludwig, eine andere Zunft angenommen hatte und trotz mehrfacher Mahnung sich den Safranherren nicht zur Verantwortung stellen wollte. König stützte sich auf den Ratsspruch von 1508, kraft dessen den Buchdruckern die Zunftwahl frei stehe, und wollte diese Erkanntnis auch auf die Verlagsherren und Buchführer ausgedehnt wissen. Er betonte stolz, er sei kein Buchkrämer und Buchbinder, die nur gebundene Bücher, Lieder, Historien, Kalender und dergleichen feil hätten. Der Rat liess sich aber auf seine Einwände nicht ein. Angesichts der Tatsache, dass König einen offenen Laden führte und den Handkauf (Sortiment) trieb, erklärte der Rat König für pflichtig, auf dem Safran hoch und nieder zu dienen und den Vorgesetzten in Geboten und Verboten gehorsame Leistung zu erzeigen.

Während des 18. Jahrhunderts wird es in den Zunftakten um das Buchgewerbe auffallend still. Höchstens, dass von Zensurvergehen gelegentlich die Rede ist. Scharf und engherzig wurde die Zensur gehandhabt. Als Niklaus Stupanus, Licentiat der Rechte, im Jahre 1738 eine temperamentvolle Schrift «Treue und wohlmeinende Erinnerung etlicher patriotischer Gemüther an eine hochansehnliche Ehren Bürgerschaft der Stadt Basel» im Druck erscheinen liess und sich darin mit aller Entschiedenheit zum Anwalt freien Denkens machte, indem er erklärte, das Lesen oder Drucken der Schriften freien Leuten zu untersagen, sei ein Missbrauch der Gewalt, wurde er wegen seines «aufrührerischen und höchst verwerflichen» Traktats in die Acht verrufen, auf seinen Kopf eine Prämie von tausend Pfund gesetzt und sein Lilbell durch Henkershand auf dem heissen Stein am Marktplatz verbrannt.

Auch geringfügigere Dinge als herbe Kritik an den baslerischen Staatseinrichtungen konnten recht unliebsame Folgen zeitigen, wie die nachfolgenden Beispiele weisen. Im Jahre 1765 enthielt der von Joh. Heinrich Decker herausgegebene Kalender «Der Hinkende Basler Bote» eine nicht allzu witzige Satire, veranlasst durch eine Zeitungsnachricht, ein englisches Schiff habe aus Indien eine ungeheure Riesenschlange nach London gebracht. An diese Tatsache knüpfte der Kalenderschreiber die Betrachtung, der Teufel habe sich wohl kaum in eine solche Schlange versteckt, als er seinerzeit im Paradies die Mutter Eva verführte. Diese Bemerkung genügte, um die Konfiskation des Kalenders herbeizuführen und den Verfasser zur Strafe vor den Kirchenbann zu stellen.

Empfindlicher getroffen wurde 1789 der Drucker und Verleger J. J. Thurneysen, der eine zwölfbändige Edition der «oeuvre posthumes de Frédéric II» herauszugeben im Begriffe war. Bei Strafe von 1000 Fr. wurde Thurneysen geboten, Druck und Verkauf des zwölften Bandes zu sistieren und die bereits gedruckten Exemplare dem Stadtschreiber auszuliefern. Begründet wurde die Massnahme damit, dieser Band mit seinen «pensées sur la religion» Stellen enthalte, welche die Religion, gute Sitten und das Ansehen verschiedener Staaten und hoher Personen gröblich verletzten. Auf Grund solch bedenklichen Zensurberichtes erkannte der Rat, dass «samtliche schon vorläufig in herrn stadtschreiber Merians haus gelieferte exemplarien des beklagten XII. tomi, ettwann 200 an der zahl, in desselben haus in gegenwart viri spectabilis herrn dr. und prof. Herzogs, dec. theologici sollten verbrannt werden». Um der Ausrottung der staatsgefährlichen pensées sicher zu sein, wurde über die Exekution hinaus vorsichtshalber den Buchhändlern und Buchausleihern eingeschärft, die pièces, so sich im 12. Teil der Basler Ausgabe befinden, auf keine Art und Weise allhier jemand zu verkaufen oder zum Lesen auszuleihen. Solches geschah just in den Tagen, da in Versailles mit dem Zusammentritt der Generalstände sich der folgenschwere Auftakt zur französischen Revolution vollzog.