Zünftige Berufe

BUCHBINDER

Zwischen 1480-1500 schrieb Jakob Lauber, der Prior der Basler Kartause, im Hinblick auf deren reiche Bibliothek, es gebe manche Menschen, die gegen die Anschaffung von Büchern seien, aber ein Kloster ohne Bücher sei «wie eine Stadt ohne Reichtum, eine Burg ohne Mauern, eine Küche ohne Geschirr, ein Tisch ohne Speisen, ein Garten ohne Kräuter, eine Wiese ohne Blumen, ein Baum ohne Blätter». Dieses gute Wort fiel zu einer Zeit, da in Basel die junge Kunst der Buchdruckerei bereits festen Boden gefasst hatte und mit den stärksten Impulsen einem Blühen und Reifen entgegen trieb, welches das geistige Gut und den Ruhm Basels als Gelehrten- und Druckerstadt in alle Welt trug.

In der Zeit, da es noch keine gedruckten Bücher gab, waren es vor allem die Klöster und die Schreibstuben der Gulden- und Buchschreiber gewesen, wo Handschriften in grösserer Zahl und etwa auf Vorrat angefertigt und auch gebunden wurden. Jedenfalls war das Buchbinden lange Zeit eine freie, seltene und keiner bestimmten Zunft zugewiesene Beschäftigung und die 1434 erfolgte Aufnahme des Buchbinders Friedrich von Helmut in die Krämerzunft zu Safran bildete eine durchaus singuläre Erscheinung der Konzilszeit.

Bücherlust und Sammeleifer finden wir damals viel weniger in profanen Kreisen als bei kirchlichen Personen. Wohl die schönste und für ihre Zeit ungewöhnlich grosse Bibliothek – an die dreihundert Bände – besass der Gelehrte und Prediger Johannes Heynlin genannt Johannes a Lapide (1430/33-1496), der sich der Welt entsagend, 1487 mit seinen geliebten Büchern in die Stille der Kartäuser jenseitsrheins zurückzog. Die Kartause wurde Erbin seiner Bücherei, die 1592 mit der gesamten Klosterbibliothek an die Universität überging. Heute von der Universitätsbibliothek als kostbarer Schatz gehütet, erregen Heynlins prächtige Bände mit den goldenen Initialen, den zierlichen Miniaturen, der reichen Rubrizierung noch immer die Bewunderung des Bibliophilen.

Das gewaltige Anwachsen des Buchgewerbes brachte nun auch die Buchbinderei, die anfänglich innerhalb des Druckereibetriebes und Verlegergeschäftes geschah, mehr und mehr als selbständiges Handwerk empor und führte zu dessen zünftischer Eingliederung, die frühestens in die 1480er Jahre zu setzen ist. Von diesem Zeitpunkt an nahmen die Basler Buchbinder wie die gleichzeitig zu selbständiger Stellung gelangenden «Buchführer», d.h. Buchhändler, die Safranzunft an. Auf dieser Zunft sehen wir auch die vorzüglichsten Brotgeber der Buchbinder, die grossen Druckerherren Froben, Amerbach, Petri, Episcopius so gut wie die kleineren Meister, allerdings aus eigenem Willen, da das Buchdrucken als freie Kunst galt, ihre Zunftgerechtsame kaufen. Was die Vertreter des Buchgewerbes zu den Krämern führte, dürfte nicht zuletzt auf den Umstand zurückzuführen sein, dass Kapital und kaufmännischer Unternehmergeist derer zu Safran schon frühe sich der neuen Industrie zuwandten, indem safranzünftige Kaufleute und Krämer wie Andreas Bischoff, Peter von Wissenburg, Jakob von Kilchen, Heinrich David u.a. als Gesellschafter ihr Geld im Buchgewerbe arbeiten liessen.

Die älteste Schicht der safranzünftigen Buchbinder rekrutierte sich ausnahmslos aus Zugewanderten aus den schwäbischen und fränkischen Städten, aus dem Elsass, aus Jülich und den Niederlanden. Als Kuriosum ist der 1558 zünftig gewordene Hugo Shyngliton von Lunda (London) zu erwähnen, als einer der ganz seltenen Fälle, da Basel einem englischen Glaubensflüchtling Schutz und Schirm angedeihen liess. Der erste Buchbinder aus angemessenem Geschlecht war der 1564 der Zunft beitretende Franz Gernler.

Mit dem Zünftigwerden der ersten Buchbinder hielt die Safranzunft ihre starke Hand schützend über das Handwerk. Dies erhellt aus einem gewerblichen Streithandel vom Jahre 1487 gegenüber einem in Kleinbasel sitzenden, geistlichen «herrn und ordensman», der eine regelrechte Buchbinderei mit Gesellen, Jungfrauen und Lehrknaben unterhielt. Die Zunft stellte ihn vor die Alternative, entweder ihr Zunftrecht zu kaufen oder seinen Betrieb einzustellen. Als er weder das eine noch das andere tat, legten die Zunftvorgesetzten kurzerhand Beschlag auf seine Bücher. Der Rat, als oberste Instanz angerufen, veranlasste die Zunft zur Rückgabe der Pfänder, sprach aber dem Kleriker das Halten von jeglichem Gesinde und Tischgängern ab. Sollte er durch solche weiterhin Bücher binden lassen, so würde man die Fehlbaren gefänglich einziehen und von der Stadt verweisen. Nur was er mit eigener Hand binde, wollte ihm der Rat aus Gnaden zulassen. Im Uebrigen legte man ihm nahe, des Zunftrechts wegen mit den Herren zum Safran gütlich übereinzukommen. Möglicherweise haben wir diesen Outsider in dem 1491 aufgenommenen, kurzweg als Pankratius bezeichneten Buchbinder zu erblicken. Wie gegen den vorgenannten Weltgeistlichen, gingen Zunft und Obrigkeit nun auch gegen die klösterlichen Bindereien vor, die allem Anschein nach für einzelne Drucker arbeiteten. So die Kartause, denn auf ihre Insassen kann sich nur die 1490 erlassene Erkanntnis beziehen, allen Basler Druckern und ihren Gemeindern zu verbieten, «den münchen ennet Rheins» Bücher zum Einbinden zu geben. Ein ähnliches Verbot, doch bereits weiter greifend gefasst, erging 1526, dass «nun hinfüro in der stat Basel weder priester, minchen in den clöstren oder andere personen, buecher am lohn, als bishar beschechen, inbinden» sollten. Gleichzeitig wurden die Buchdrucker und Verleger angewiesen, die Einbände für ihren Ladenverkauf nicht durch eingestellte Buchbinderknechte, die weder Burger noch zünftig waren, besorgen zu lassen, da solche Arbeit ausschliesslich den eingebürgerten zünftigen Buchbindern zugehöre. Konflikte blieben nicht aus. 1506 führten die zünftigen Meister Peter Spidler und Hans Zumüller Beschwerde, wie des Druckers Michael Furter Buchbinderknecht in der Stadt hin und her werke, den Mönchen in der Kartause, dem «pfaffen zu St. Joder» und andern einbinde. Der Knecht gab zu, sein früherer Meister Amerbach habe ihn der Kartause und dem Leutpriester zu St. Theodor ausgeliehen, nunmehr stehe er im Dienste Furters. Die Zunft erkannte, dass er die für Furter begonnene Arbeit vollenden dürfe; im übrigen aber habe er in erster Linie den zünftigen Buchbindermeistern zur Verfügung zu stehen; wolle er aber für sich arbeiten, dann solle er selbst zur Zunft greifen.

Ein Entscheid von prinzipieller Bedeutung fiel dann drei Jahrzehnte später. Als 1536 der Buchführer und Drucker Konrad Rösch, Sechser zu Safran, einen fremden, unzünftigen Buchbinder hielt, erkannte der Rat auf Beschwerde der zünftigen Meister hin, dass Rösch einen Knecht, aber nicht mehr «zu laden setzen und haben möge» dem er Burgrecht und Zunft zu erkaufen und mit seinem eigenen Geld die Beschwerden des Hütens, Wachens und Reisens von des Knechtes wegen zu tragen habe. Wenn er später einen andern Knecht dinge, sei er jedoch nicht pflichtig, diesem neuerdings Bürger- und Zunftrecht zu kaufen, sondern der neue Knecht solle der ersterkauften Rechte geniessen. Wir haben hier die in der Basler Zunftgeschichte überaus merkwürdige Ausnahme, dass Bürgerrecht und Zunftrecht nicht eine bestimmte Person, sondern übertragbar und an ein Arbeitsverhältnis gebunden waren. Vermöge dieser Erkanntnis setzten auch andere Buchhändler und Drucker, wie Wattensnee und Cratander safranzünftige Buchbinder in ihre Läden. Hierüber beschwerte sich insbesondere der Buchbinder Peter von Mechel, der bis dahin für diese Verleger gearbeitet hatte. Von der Zunft abgewiesen, liess er nun von Zürich, wo er für Christoph Froschauer arbeitete, von Strassburg und andern Orten Bücher kommen, band auf eigene Rechnung, fuhr mit den Büchern auf die Märkte und wartete des Kaufmanns. Nun war es an den Buchhändlern, gegen ihn Klage zu führen. Mechel wurde von der Zunft gezwungen, heiter zu erklären, ob er als Binder oder Händler gelten wolle. Er entschied sich für das letztere, mit dem Anhang, dass man ihm daneben Buchbinderarbeit mit eigener Hand vergönne…

Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts machte die Safranzunft zwei Dutzend Buchbinder zu den Ihrigen, die in dieser Glanzzeit des Buchwesens ihr gutes Auskommen fanden. Arbeiten dieser Männer finden sich noch heute vor in Einbänden, deren durch reiche Blindpressung geschmückte Lederhüllen einen spezifischen Basler Typus erkennen lassen. Aus dem Betrieb ihrer Werkstätten erfahren wir aber kaum etwas. Nur durch zufällige, vereinzelte Nachrichten treten uns einzelne dieser Meister menschlich näher. So Jakob Spittler (Spidler) und sein Sohn Peter, die ausgezeichnete Büchsenschützen waren; errang doch der Vater 1503 auf dem grossen Hauptschiessen zu Köln den ersten Preis und wurde deswegen vom Basler Rat ehrenvoll beschenkt. Aber die Schützentätigkeit scheint Vater und Sohn allzusehr beansprucht zu haben; sie mussten 1508 drei silberne Becher, einen vergoldeten Frauengürtel und eine Handbüchse wegen einer Geldschuld verpfänden. Wohl der angesehenste und gebildetste unter den Basler Buchbindern jener Epoche war der aus Jülich gebürtige Mathis Birenman. Er besass den Magistergrad und wurde in Humanistenkreisen Mathias barbatus, der «bärtige Mathis», genannt. Im Gegensatz zu den Spittlern besass er keine Freude am Waffenhandwerk. Als er 1515 von der Zunft zum Zuge nach Marignano ausgelegt wurde, zog er es vor, statt selbst mitzuziehen, einen, Knecht mit einer Hellebarde zu schicken.

Fast zwei Jahrhunderte lang behalf sich das Buchbinderhandwerk ohne eigene Handwerksordnung. Im Jahre 1646 regelte der Rat in seiner grossen Taxordnung erstmals das Lehrlingswesen, indem er die Lehrzeit auf drei Jahre und das Lehrgeld auf höchstens 37 lb. 10 s. nebst 2 lb. 10 s. Trinkgeld festsetzte. Zugleich schrieb er die zu fordernden Höchstpreise für Buchbinderarbeiten vor. Sie betrugen:

«Für einen bund in folio in brettern, schweinenleder und clausuren 3 lb.Item von dergleichen in schweinenleder und charten 3 lb.Item von dergleichen in pergament 1 lb. 12 s.Für einen bund in quarto in schweinenleder, brettern und clausuren 1 lb. 8 s.Item von dergleichen in leder und charten 1 lb. 5 s.Item von dergleichen in pergament 15-16 s. 8 d.Für einen bund in octavo in schweinenleder, bretter und clausuren 13 s. 4 d.Item von dergleichen in charten und leder 12 s. 6 d.Item von dergleichen in pergament 5-6 s. 8 d. »

Erst unter den Buchbindern ausbrechende gewerbliche Streitigkeiten bewogen 1654 den Zunftvorstand, die Buchbinder zu mahnen, auf eine schriftliche Ordnung bedacht zu sein. Aber noch 1659, anlässlich eines Spans unter den Meistern, waren diese nicht in der Lage, ihre Handwerksartikel vorzulegen. Trotz der anbefohlenen Frist, dies innert drei Monaten zu tun, unterbreiteten die Meister erst im Herbst 1661 ihre Ordnung den Zunftherren zur Ratifikation. Die Ursache dieser Saumsal ist nicht klar ersichtlich; vielleicht mochte einzelnen massgebenden Meistern mit beruflicher Bewegungsfreiheit besser gedient sein als mit bindenden Handwerksvorschriften.

Mit Ausnahme eines Artikels – dass keiner mit Büchern handeln solle, er sei denn Buchbinder oder habe den Buchhändlerberuf erlernt – hiess die Zunft die vorgelegte Ordnung gut. Die von da an bis 1798 zu Recht bestehende Berufsordnung regelte das Lehrlings- und Gesellenwesesn, das Meisterwerden und die Meisterstücke in folgender Weise:

«1. Soll bei löbl. ehrenbuchbinderhandwerk, vermög viel und lange jahr hero geübtem brauch und ordnung nach, alle monat ein meister die herberg vier wochen lang haben, den frömbden ankommenden gesellen ihr gebühr und geschenk widerfahren und auf begehren ordentlichem gebrauch nach umb arbeit umbschauen lassen, dass deswegen keiner zu klagen habe; es soll auch gedachter handwerksvater alle quatembe ein ehrenhandwerk zusammen fordern und umbfragen lassen, ob einer wider den andern etwas zu klagen, damit selbiges in gut- und freundlichkeit möchte beigelegt und fried und einigkeit unter uns erhalten werden.

2. Es soll in unser ehrenhandwerk keiner zu einem meister auf- und angenommen werden, er habe denn sein handwerk ehrlich und redlich gelernt.

3. Derowegen soll kein meister keinen lehrjungen das buchbinderhandwerk zu lernen annehmen, er sei dann von vater und mutter ehlichg gezeugt und geboren.

4. Ein jedwedere lehrjung, so das buchbinderhandwerk zu erlernen begehrt, soll seinem meister weniger nicht dann drei jahr lang aufgedingt werden und solche Lehrzeit nach einandren fromm und ehrlich zubringen, für das lehrgeld aber unserer herren und obern taxordnung gemäss bezahlen; auch soll er an keinem andern ort als auf einer ehren zunft zu Safran aufgedingt und allda von dem herren schreiben umb die gebühr eingeschrieben werden.

5. Wann nun einem meister ein lehrjung ledig gesprochen worden, mag er darüber wohl, so er einen sohn hat, diesen zum handwerk erziehen, aber einen andern für einen lehrjungen widerumb anzunehmen soll er drei jahr lang still zu stehen schuldig und verbunden sein.

6. So nun ein lehrjung seine lehrjahre ausgestanden und ehrlich abgedingt worden, soll er von selbiger Zeit an auf seinem handwerk drei jahr lang wandern und erst nach zubringung solcher zeit zu einem meister angenommen werden. Eines meisters sohn aber sind diese wanderjahre zu vollbringen freigestellt.

7. Damit nun keiner in das künftig, der sein handwerk nit recht gelernt, daraus dann nit nur uns ungelegenheit, sondern andern ehrlichen leuten schaden entsteht, in unsere meisterschaft aufgenommen werde, als soll ein jeder, so bei uns meister zu werden begehrt, nachfolgende vier stuck für sein meisterstuck binden und zu einer proba seines erlernten handwerks vor einem ehrenhandwerk aufstellen, eines meisters sohn aber soll die freiheit haben, aus diesen vier stucken nur zwei zu erwählen und zu machen, welche er will:

1. ein Münsteri Cosmographia in folio in schweinleder, bretter und claussauren gebunden; zum andern ein buch in folio in weisspergament; zum dritten ein buch in quarto in weisspergament; zum vierten ein buch in octavo in schwarz leder oder corduan auf das sauberste auf dem leder und hinten glatt vergult.

8. Ein fremder, so alhier keines burgers kind, soll hier oder anderwärts sein handwerk drei jahr ehrlich gelernt, auch auf dem handwerk drei jahr gewandert und zwei jahr bei einem oder zweien meistern alhier gearbeitet haben, alsdann, wan obgedachte meisterstuck von ihme werkstellig gemacht, zu einem meister auf- und angenommen werden.

9. Soll zwischen meistern, gesellen und jungen diese ordnung gehalten werden, dass kein meister mehr dann zwen gesellen und keinen lehrjungen, oder einen gesellen und einen lehrjungen zumal haben und über selbsdritt nit in der werkstatt arbeiten.

10. Da aber ein meister ein sohn hätte, den er zum handwerk anführen wollte, der solle darein nit gerechnet werden, sondern mag nichts destoweniger obermelte zahl der gesellen und lehrjungen darbei haben und halten; wan aber ein meister zwen söhn zumal zum handwerk aufziehen und gebrauchen wollte, so soll er den einen anstatt eines lehrjungen haben und halten.

11. Und damit die meister unter ihnen selbs sich übereinander nit zu beschweren haben, dass einem vor dem andern die frömbden gesellen eingeschaut werden, als soll von dem jüngsten meister oder altgesellen die ordnung des täfeleins, darauf aller meister namen verzeichnet sind, in obacht genommen werden, dass alzeit, bei welchem der letzte gesell eingeschaut worden, bei dem nächstfolgenden der ordnung nach wieder angefangen und also jederzeit in solcher ordnung fortgefahren werde; doch soll der meister, der handwerksvater ist und so sich eine witfrau bei dem ehrenhandwerk befunde, nechst ihme, in dem gesellen umbschauen den vorzug haben.

12. Da aber ein gesell mit unwillen oder unverantwortlicher sach halben austreten und urlaub nehmen wurde, soll er nit befugt sein, bei einem andern meister ihme einschauen zu lassen; wo aber einer von seinem meister mit willen urlaub bette, mag selbiger ihm wohl der ordnung nach widerumb einschauen lassen und wan einer seinen abscheid, aus der stadt an ein ander ort zu gehen, genommen, soll inerthalb zwen monat alhier ihme umb arbeit umbzuschauen nit zugelassen werden.»

Gestützt auf die 1661 genehmigte Ordnung gingen die Meister nunmehr darauf aus, Fremden tunlichst die Zunft zu verschliessen und das Handwerk den Meistersöhnen vorzubehalten. Das wurde so exklusiv gehandhabt, dass von zwei Ausnahmen – einem Deutschen (1663) und einem Schweden (1664) – abgesehen, bis zur Aufhebung der alten Zunftherrlichkeit im Jahre 1798 kein einziger Neubürger beim Buchbindergewerbe unterkam. Jedes Mittel war gut, wenn es galt, eine unerwünschte Konkurrenz sich fern zu halten. Als 1672 der aus Kassel stammende Gottfried Scharmunt Vertröstung begehrte, wendete das Handwerk ein, dieser Geselle sei ohne Gruss hergekommen und habe seinem Vorgeben nach einen Franzosen entleibt! Abgewiesen, liess sich, Scharmunt dann als sogenannter «Stümpeler» in Kleinhüningen nieder und tat den hiesigen Buchbindern nach ihrem eigenen Geständnis derart Eintrag, dass sie 1675 vor der Zunft um die Erlaubnis nachsuchten, wenn er wieder Bücher in die Stadt bringe, diese konfiszieren zu dürfen.

Der Zunftvorstand war von ihrem Verhalten nicht besonders erbaut und speiste die Meister mit dem Bescheid ab, sofern sie Klagens nicht absein könnten, sollten sie sich bei den Ratshäuptern anmelden. Erst 1680 gestattete die Zunft nach ergangener Beschwerde der gesamten Meisterschaft, Arbeiten von Stümpelern, die um die Stadt herum und nicht im Gebiet Unserer Gnädigen Herren und Obern sassen, wegzunehmen und auf die Zunft zu tragen.

Auch über die Reputation der Meister wurde auf das genauste gewacht. Meister Jakob Fischer, eine impulsive Natur, der seine Gesellen «Räuber» gescholten hatte, wurde deswegen 1684 vom Handwerk verstossen und überdies um drei Pfund Geld gebüsst. Die Zunft ermässigte freilich die Strafe auf 12 Batzen und gebot den Meistern ihn wieder neben sich zu dulden. Ein Jahr später drehte Fischer den Spiess um und beschwerte sich vor der Zunft, es werde ihm nicht umgeschaut und einige Meister seien ihm sonst zuwider. Die Beklagten warfen Fischer vor, er laufe ihnen die Arbeit ab; wenn in einem Bürgerhaus ein Todesfall vorkomme, eile er dorthin, und erbettle den Auftrag zum Einbinden der Leichenpredigt. Fischer replizierte, die andern Meister täten ein Gleiches. Die Zunftgewaltigen begnügten sich mit dem salomonischen Urteil zuhanden beider Parteien, sich miteinander friedsam zu betragen und ferner nicht klagend vor Meine Herren zu kommen.

Lächerlich mutet daher die Entrüstung der empfindsamen Meister an, als ihr Mitmeister Daniel Haag um die Fastnachtszeit 1697 auf der Zunftstube zum Himmel in der Weinlaune sich äusserte, er wolle ein Buch einbinden, dergleichen keiner unter den hiesigen Meister eines binden könne! Allen Ernstes setzte sich das in seiner Berufsehre schwer gekränkt fühlende Handwerk zum Bott, verhängte über den Prahler die Gesindesperre und verdonnerte ihn obendrein zu zwei Gulden Strafe. Die Zunft beurteilte allerdings den Fall nüchterner, erklärte den ganzen Handel, jedem an seiner Ehre unbeschadet, für erledigt und hob die Sperre auf.

Wie scharf man auch den Gesellen auf die Finger sah, belehrt der 1675 vor dem Zunftgericht zur Verhandlung kommende Fall eines bei Samuel von Wengen in Arbeit stehenden Gesellen, der vom Handwerk in Schaffhausen aufgetrieben und für unredlich gescholten wurde. Seine Verfehlung bestand darin, dass er bei seinem früheren Meister in Stein am Rhein, einen Bogen falsch eingesetzt hatte! Obwohl er bereit war den Schaden gutzumachen und obwohl sein Basler Meister und die hiesigen Gesellen nicht das geringste über ihn zu klagen hatten, wurde er gezwungen, nach Schaffhausen zu reisen, sich dort vom Handwerk abstrafen und wieder redlich machen zu lassen, bevor er hier seine Arbeit wieder aufnehmen durfte.

Nicht nur berufliche Verfehlung, sondern auch Verstösse gegen Zucht und Sitte nahmen Handwerk und Zunft nicht leicht. Als 1757 der Geselle Joh. Gottfried Nahe von Jena den Gesellenvater, Meister Samuel Haag, spöttisch anfuhr, erkannte das Handwerk: «der geselle soll den gesellenvater um verzeihung bitten und daraus ein aufgehebter sach sein, das bottgelt, so der gesell erlegt, verfallen und den ersten frembden gesellen umschauen. Herr Haag solle in das künftige seinen gesellen einen maulkragen anlegen, dass sie in das künftige sich in keine meisterhändel legen.»

Gleich den Papierern und Kartenmachern waren auch die Buchbinder ein sogenanntes «geschenktes» Handwerk. Das Geschenk, d.h. der gemeinsame Trunk sämtlicher Gesellen des Handwerks bei Ankunft eines zuwandernden Gesellen, sollte in erster Linie dem Fremden Gelegenheit geben, sich als redlichen Gesellen auszuweisen. Die erstmals 1671 von der Ehrsamen Gesellenschaft der Buchbinder aufgesetzte Geschenkordnung – eine der wenigen, die sich im Wortlaut erhalten hat – besagt folgendes:

Die Gesellen sollen alle vier Wochen auf der Herberge zusammenkommen in Beisein des Handwerksvaters. Es soll alsdann ein jeder, der « auf seinen vierzehn Tagen ist», einen Schilling Aufleggeld geben.

Wird ein Geselle fremd, d.h. tritt er aus eigenem Willen aus seiner Stelle oder bekommt von seinem Meister den Abschied, so hat er sich vor 1 Uhr mittags beim Handwerksvater anzumelden; alsdann soll dieser nach dem Altgesellen schicken, auf dass der fremde Geselle befördert werden möge.

Wenn ein «Geschenk» vorhanden wäre, so soll der Altgeselle dem Junggesellen anzeigen, dass er vom ältesten bis zum jüngsten gehe und sie zum Geschenk fordere und soll ein jedweder drei Batzen zum Geschenk erlegen. Bleibt einer vom Geschenk aus, so hat er seinen Beitrag gleichwohl wie ein anderer abzustatten.

Das Geschenk soll ganz und gar an der Woche abgestellt sein und allein Sonntags nach 5 Uhr abends, jedoch nach Gelegenheit der Zeit und Geschäfte, gehalten werden. Hat das Geschenk ein Ende, so soll der Junggeselle den Gesellen anzeigen, wer darnach länger zu bleiben Lust habe, der möge es wohl tun. Folgenden Tags oder wann es des fremden Gesellen Gelegenheit ist, sollen der Alt- und der Junggeselle ihm das Geleite zum Tor hinaus geben und ihn auf die richtige Strasse bringen, wohin er seine Reise vor hat.

Wenn der Altgeselle dem fremden Gesellen das Geschenk zugebracht hat, so soll während des Geschenkes keiner essen, ausser dem fremden Gesellen, dem das Essen wohl erlaubt ist. Bei dem Geschenk soll keiner ein Messer oder eine andere schädliche und tödliche Wehr auf sich tragen. Es soll auch keiner so viel Wein verschütten, der nicht mit der Hand könnte bedeckt werden, widrigenfalls er straffällig würde.

So, lange das Geschenk währt, soll die Armenbüchse auf dem Tisch stehen bleiben wegen derjenigen, die sich etwa mit Fluchen, Schwören, Missbrauch des göttlichen Namens und sonst ungebührlich verhielten. Insbesondere soll, weder beim Geschenk noch wenn die Gesellen sonst beisammen sind, keiner den andern «liegen» heissen.

Welcher Geselle den andern zum übermässigen Trinken nötigt oder selbst mehr als seine Natur vertragen kann, zu sich nimmt, soll den Gesellen in 3 Batzen Strafgeld verfallen sein; auf solche «Verbrecher» soll der Junggeselle während des Geschenks sein fleissiges Aufsehen haben. Von den Strafgeldern soll allzeit ein Drittel in die Gesellenlade kommen, die andern Zweidrittel aber den Gesellen nach ihrem Belieben zu verzehren verbleiben.

Alle Vierteljahre soll aus der Gesellenschaft ein anderer Altgeselle und Junggeselle erwählt werden. Die Geschenkordnung wird, so oft die Gesellen Auflagetag haben, durch den Altgesellen öffentlich verlesen. Sind auch sonst fremde Gesellen da, die von diesen Artikeln noch keinen Bericht haben, so hat der Altgeselle ihnen diese vorzulesen. Bei diesem Anlass sollen der oder die fremden Gesellen der Armen nicht vergessen. Wer die Geschenkordnung freventlich missachtet und vernichtet, soll von der Gesellenschaft mit unnachlässiger Strafe belegt werden ...

Einen volkskundlich interessanten Beleg liefern uns die erstmals 1692 auftauchenden und im 18. Jahrhundert wiederkehrenden Klagen der Buchbinder wegen der sogenannten «Liederträger und Singer». Diesen herumziehenden Leuten war erlaubt, ihre auf Blätter gedruckten Volkslieder während der Messe und Fronfastenmärkte feilzuhaben, wie es noch vor dreissig Jahren die sogenannten Moritatensänger bei uns taten. Nach Aussage der Buchbinder vertrieben diese Fremden ihre literarischen Elaborate aber auch zur anderer Zeit ungescheut in der Stadt. Sie schmälerten dadurch ein Vorrecht der Buchbinder, die solche fliegenden Blätter in ihren Läden verkauften. Die Zunft gebot deshalb dem Oberknecht, solche hausierende Liederträger zu verwarnen widrigenfalls ihnen ihre Ware abgenommen werde. Ueber derartige Liederträger gibt uns Joh. Peter Hebel hübsche Auskunft in seinem «Gutachten über die Frage, wie dem Gebrauch anstössiger Volkslieder am sichersten vorzubeugen sein möchte». Der alemannische Dichter schreibt dort: «Der gewöhnlichste Weg, auf welchem die Lieder für die rohesten Volksklassen in ihr Publikum übergehen, sind die bekannten Liedertische auf den Jahrmärkten, wo reiche Sammlungen solcher Produkte, gewöhnlich vier zusammen auf einem halben Bogen Löschpapier, dem gut gekleideten Käufer für drei, dem lumpigen für einen Kreuzer mit Einschluss des Honorariums für den Unterricht in der Melodie losgeschlagen werden. Es sind aber bei weitem die meisten dieser Quartette von Zotenhaftigkeit ganz rein, und in den übrigen zeichnet sich doch gewöhnlich nur eins unter vieren durch schmutzig-pöbelhaften, und noch seltener durch eigentlich unzüchtigen Inhalt aus. Von den andern sind manche vielleicht in hohem Grade sinn- und geschmacklos, aber in sittlicher Beziehung sind sie rein, und es liegt in dem Verhältnis derselben zu den Unreinen zum Theil eine feine Spekulation der Verleger. Denn der züchtige Käufer nimmt zu den drei reinen das vierte mit, und für den unzüchtigen macht das eine die drei andern verkäuflich. Theils beweist dasselbe Verhältnis, das von Alters her das nämliche ist, dass die Nachfrage nach züchtigen Liedern doch immer noch die grössere ist, und die unzüchtigen noch immer blos als Sporeo mit jenen abgesetzt werden können ... »

Nicht nur den Vertrieb solcher Liederheftlein, auch den Verkauf von Kalendern und «Historien» betrachtete das Buchbinderhandwerk seit der Mitte des 17. Jahrhunderts als in seine Domäne gehörig. Es ging sowohl gegen die fremden Kalenderverkäufer vor, indem es sich 1718 das Recht der Konfiskation bestätigen liess; aber auch die hiesigen Krämer, die Kalender vertrieben, mussten auf obrigkeitliches Geheiss den Handel mit diesem Artikel fallen lassen. Berufliche Reibereien mit andern Handwerken kamen sonst selten vor. 1729 musste die Zunft die Buchbinder ermahnen, von Stümpelern in der Nachbarschaft keine Beschläge zu kaufen, sondern sich der zünftigen Gürtler zu bedienen, weil sonst dieses Handwerk sich auch gezwungen sehen würde, den Buchbindern Eingriff zu tun.

Die seit 1661 organisierte Meisterschaft E. E. Handwerks der Buchbinder erreichte um die Mitte des 18. Jahrhunderts ihren stärksten Bestand, um dann bis zum Untergang der alten Zunftgerechtsame wieder bedeutend zurückzugehen.