Geschichte der Zunft

DER OBERKNECHT

Wenn jeweilen am Aschermittwochabend die drei Herrenzünfte zum Schlüssel, zu Hausgenossen und zum Safran in festlichem Aufzug unter Trommel- und Pfeifenklang einander gegenseitig auf den Zunftstuben zu Licht besuchen, schreitet vor den Vorgesetzten und Brüdern der Safranzunft stattlich und gemessenen Schrittes eine historische Figur einher. Ihr grün und gelbes Gewand weist auf die Farben der Zunft und ist nach der Mode um 1650 geschnitten, mit bauschigen Kniehosen, enganliegendem, gegurtetem Wams, fuchspelzverbrämtem Mantel, steifer, leinener Halskrause und mächtigem Basler Hut. In der Linken hält sie den mit der silbernen Zunftlilie verzierten Ebenholzstab, die Rechte trägt ein schweres, silbernes Trinkgeschirr. Diese Gestalt, in der schmucken, farbenfrohen Tracht einer längst verschwundenen Zeit, stellt den Oberknecht zu Safran dar. Von ihm und seinem gewichtigen Amt sei hier kurz erzählt.

Seit dem 15. Jahrhundert hielt die Safranzunft zwei Bedienstete in Eid und Pflicht, den Oberknecht und den Stubenknecht. Der Stubenknecht sass mit Weib und Gesinde im Zunfthause als dessen Abwart, hantierte in Küche und Keller, hielt Hausrat und Weisszeug in Ordnung und sorgte im Auftrage der Stuben- oder Irtenmeister für Speise, Trinksame, Licht und Heizung bei den abendlichen Zusammenkünften, beim Bott und an den festlichen Mählern. Er hatte alle Einkäufe bar zu bezahlen, damit der Zunft «kein Geschrei oder Nachred» wurde; auch durfte er an dem gekauften Wein, Brot, Fleisch u.a. für sich keinen «Gewinn, Uebernutz noch Mehrschatz» nehmen.

Der Stubenknecht, der nicht safranzünftig zu sein brauchte, lebte später fort im Amte des Stubenverwalters; ihm entsprechen heute mehr oder weniger die Befugnisse des Zunftwirtes.

Anders der Oberknecht. Dessen Bedeutung geht schon daraus hervor, dass er von den Zunftvorgesetzten stets aus der Schar der angeseheneren safranzünftigen Handwerksmeister erkoren wurde, allerdings mit der 1668 beschlossenen Einschränkung, dass keiner Oberknecht sein sollte, dessen Vater Ratsherr, Zunftmeister oder Sechser war.

Schon der älteste Oberknecht – Hans Pfirter der Spengler  auf den wir urkundlich zurückgreifen können, scheint ein bemittelter, gutgesinnter Mann gewesen zu sein. Er vermachte der St. Andreaskapelle, in der die Safranzunft ihre Bruderschaft und spezielle Kultstätte hatte, sein Haus an der Winhartsgasse (Hutgasse) mit dem Beding, dass zweimal im Jahre für ihn und alle Zunftangehörigen das «salve regina» gesungen werde.

Unter den Nachfolgern im Amt seien genannt Ruedi Rümliker der Spengler von 1463 bis 1485, Balthasar Ringler 1534-1538, Urban Schwytzly der Gürtler 1538-1547, Peter Kistler der Buchbinder 1547 bis 1558, Hans Bechem der Seckler 1558-1564, Caspar Riecher der Seckler 1564-1566, Jakob Wysslämmli der Lederbreiter 1566-1571. Dann folgen hintereinander drei Hueter oder Hutmacher: Friedrich Kopp 1573-1579, Jerg Vegtly 1579-1587 und Hieronymus Richhold 1587-1596. Wohl am längsten – 1601-1649 - übte Lienhart Zessinger der Barettlimacher den Dienst aus. Seine Amtsnachfahren waren Remund Euler 1649-1668 und dessen Sohn Hans Georg Euler 1668-1684; beides ehrsame Strälmacher gleich dem Ahnherr des 1594 eingewanderten Geschlechts, aus dem im 18. Jahrhundert einer der grössten Mathematiker aller Zeiten, Leonhard Euler, hervorgegangen ist.

Im 18. Jahrhundert war am längsten – von 1719-1764 – Sebastian Beck der Spezierer, Oberknecht der Safranherren. Freilich wurde ihm während seiner letzten Amtsjahre ein «vicarius» beigegeben. Als er im September 1764 wegen überhandnehmender Altersbeschwerden um seine Entlassung bat, fügte er seinem Gesuch bei, «wegen denen Emolumenta schütte er alles in meiner hochgeehrten Herren Schoss». Diese erkannten ihm denn auch in Anbetracht seiner Diensttreue eine lebenslängliche Honoranz von alljährlich vier neuen Louisdor zu.

Diensteid und Ordnung auferlegten seit dem 15. Jahrhundert dem Oberknecht folgende Pflichten: Er hatte den Zunfthäuptern d.i. dem Ratsherr und dem Zunftmeister, in allen gemeiner Zunft betreffenden Dingen unbedingten Gehorsam zu leisten und der Zunft Nutz und Frommen zu fördern und ihren Schaden nach seinem Vermögen zu wenden. Alle Ratstage musste er sich eine Stunde vor Ratsschluss im Rathause einfinden, um der Befehle seiner Herren gewärtig zu sein. Wurde Grosser Rat gehalten, so hatte er vom Anfang bis zum Schluss der Sitzung auf dem Rathause zu warten. Weiter lag ihm ob, die Zunftbrüder, die an der Reihe waren, zur Tag- oder Nachtwache auf dem Rathaus oder unter den Toren «ehrbar aufzubieten laut einem vom Zunftschreiber aufgestellten Wachtrodel. Dabei sollte er niemand schonen, noch jemand von sich aus Urlaub gewähren. Ungehorsame hatte er dem Zunftmeister zu rügen. Sobald überhaupt der Oberknecht mit dem Stab von Zunft wegen einem Zünftler gebot, war dieser Aufforderung Folge zu geben, bei hoher Strafe im Weigerungsfall. Ihm war erlaubt, für einen unabkömmlichen Zunftbruder selbst die Wache zu übernehmen und sollte ihm derselbe «als lieb dorumb tun» Seit dem Jahre 1596 wurde ihm aber jegliche Vertretung untersagt.

Vernahm der Oberknecht von einem Zunftbruder auf der Stube irgend einen Hader, Zorn oder Aufruhr, es wäre mit Schelten, Fluchen oder Schwören, so hatte er den Fehlbaren unverzüglich dem Zunftmeister anzuzeigen. Alles aber, was die Zunft insgemein, die Herren des Regiments oder einzelne Zunftbrüder betraf, durfte er bei seinem Eid niemandem offenbaren, sondern hatte es «bis ins Grab zu verhehlen». Ergingen bei Feindes- oder Feuergefahr die Sturmzeichen, so hatte er sich sofort in des Meisters Haus zu verfügen. War dieser nicht zugegen, so musste der Oberknecht mit dem Zunftfähnlein auf den Marktplatz laufen, wo die Zunft ihren bestimmten Alarmplatz innehatte und dort dem ersten herzukommenden Zunfthaupt das Fähnlein übergeben. Ohne Erlaubnis seiner Herren durfte darum der Oberknecht über Nacht nicht ausserhalb der Stadt verweilen.

Wichtig war dann seine Mitwirkung bei dem der Safranzunft zustehenden «Gefecht», d.h. der periodischen Prüfung aller bei den Krämern und Kaufleuten in Gebrauch stehenden Masse, Waagen und Gewichte; dieser Prüfung galt auch der sogenannte «Umgang in der Mess», um die Fremden, zur Jahresmesse kommenden Händler auf richtiges Mass und Gewicht zu kontrollieren. Sache des Oberknechts war es, jedem sein Mass und Gewicht um den gebührenden Lohn zu fechten und «just zu machen mit allem Fleiss, damit der Zunft kein Verweis aufgedrungen werde».

Seiner Hand anvertraute die Zunft auch die Schlüssel zum Herrenstüblein, zur Rüstkammer und zur Kornschütte. Alle diese Lokalitäten des Zunfthauses waren von ihm sauber und in Ehren zu halten. Er verwahrte seit den 1720er Jahren auch den Schlüssel zum Pulverturm auf der Leonhardsschanze, wo die städtischen Schiesspulvervorräte lagerten, deren Verwaltung der Safranzunft anheimgestellt war. Scharf sollte er da achthaben, dass niemand den Turm betrat, der Tabak «trank» oder nägelbeschlagene Schuhe trug. Im Zusammenhang mit dem Pulverhandel stand der alljährlich im Mai vorgenommene «Pulverumgang» d.h. die von den Safrandeputierten in Begleitung des Oberknechts durchgeführte Revision der bei den Pulverhändlern liegenden Vorräte.

Bei den Jahresmählern oder andern «ehrlichen hochziten» war er pflichtig, am Vorgesetztentisch mit den Stubenmeistern Handreichung zu tun, besonders des Silbergeschirrs zu warten, dasselbe nach Gebrauch in der Lade zu versorgen und in des Meisters Haus heimzutragen.

Selbst bei den Traueranlässen konnte man des Oberknechts nicht entraten. Er musste beim Tode eines Zunftbruders oder einer Zunftschwester die «bor» (von Bahre) d.i. das Leichenbegängnis umsagen, die Kerzen und das kostbare, gestickte Bahrtuch, mit dem der Sarg bedeckt wurde, in das Trauerhaus liefern und wieder abholen.

Neben seinem Zunftamt versah der Oberknecht bis zur Reformationszeit zugleich den Dienst eines «Kilchwart» oder Sakristan zu St. Andreas. Dieses alte Gotteshaus, mitten im Schmutz und Lärm der Altstadt, unterstand den Safranherren; sie waren seine Verwalter und Pfleger und aus dem Zunftseckel wurde der Unterhalt des Gebäudes bestritten. Schon im Jahre 1420 hatte die Zunft den Platz um die Kapelle «besetzen», d.h. mit einem Steinpflaster belegen lassen. Ihr Diener, der Oberknecht, hatte achtzugeben, dass es um die Kapelle reinlich und schön sei, auf dass ehrbare Personen «kommlicher» zum oder vom Gottesdienst gehen konnten. Darum war er befugt, Leute, die das Besetzwerk «entsauberten» mit drei Schillingen zu büssen. Am Kirchweihtag im September und am St. Andreastag aber, wenn die Gläubigen zur Andacht herbeiströmten und fromme Gaben darbrachten, versah der Oberknecht in Vertretung des Zunftvorstandes die «bitt» mit Austeilen von Almosen und Brotspenden an die Armen. Was am Nachmittag in den Opferstock oder in die St.Wendelinsbüchse fiel, durfte er behalten, musste aber dafür die Altarbücher und Alben waschen und in Stand halten.

Für seine vielfältigen Verrichtungen als Zunftknecht bezog er seit dem 15. Jahrhundert einen Jahrlohn von sechs Pfund Basler Stebler und gleichviel als Sigrist zu St. Andreas. Auch war er an allen Zunftmahlzeiten – und deren gab es das Jahr hindurch manche – der Irten frei und ledig. Zudem erhielt er auf Neujahr, gleich einem Vorgesetzten, eine Schüssel Galrei (Zunftgallerte) und am Fronleichnamstag ein Huhn und eine Platte Reismus heimgeschickt. Hiezu gesellten sich nicht unbedeutende Sporteln. Jeder neu eintretende Zunftbruder musste ihm bei der Aufnahme einen Schilling entrichten. In zahlreichen Fällen bedienten sich auch einheimische und fremde Zunftbewerber statt eines Amtmanns oder Notars des Oberknechts als Fürsprech und Beistand vor dem Vorgesetztenbott. Hatte er bei einem Bott Zeugen zu ihrer Einvernahme aufzubieten, so durfte er von jedem einen Rappen Botengang fordern.

Seit dem 16. Jahrhundert trug der Oberknecht sowohl bei den Zunftsitzungen als bei den festlichen Anlässen ein Amtskleid aus feinem Tuch in den Zunftfarben, die damals braun und grün waren. Im Jahre 1535 wurde Balthasar Ringler erstmals mit einem solchen Ehrenkleid bedacht. Damals wurde vereinbart, falls der Oberknecht innerhalb sechs Jahren Urlaub nehmen oder ihm der Dienst gekündet würde, so sollte er der Zunft den Rock bezahlen. Starb er während der genannten Frist, war die Zunft nicht schuldig, den Erben das Kleid zu überlassen.

Noch sind im Zunftrechnungsbuch die einzelnen Ausgaben aufgeführt, die man 1578 an ein neues Oberknechtkleid wendete: «Den 29. Jenner anno 1578 zalt ich  Jeronimus von Brunn für 7¾ ellen grien und brun lünsch  duch, unserm oberknecht zum rock, kost die ell 23 s., thut in gällt 8 Pfd. 18 s. 3 d.; 1. Hornung zalt ich her Lucas Iselin und Daniel Paiger für 3½ ell grien und brun ormasin, die ell a 8 s. 4 d., mer für 5 ell schwartzen barchett, die ell a 4 s., mer für ½ ell wissen zwilch, die ell a 5 s., mer ein quintlein nägsiden  1 s., mer zalt ich meister Michel Zäberlin dem schnider, vom rock zu machen 1 Pfd. 5 s., mer zalt ich meister Claus Sattler dem kürsner, von den zweien flüglen zu fiettern 10 s., mer zalt ich Hans Jakob Schwitzer dem duchschärer von duch zu netzen und schären 6 s. ...»

Im Jahre 1617 stellte der Oberknecht Lienhart Zessinger seinen Herren bittlich vor, er habe sich mit seinem Amtskleid in die sechzehn Jahre beholfen; nun sei es «ziemlich alt und beschaben». In gerechter Würdigung dieser Tatsache überwiesen ihm Meister und Sechs zwanzig Pfund zur Anschaffung eines mit Taffet durchzogenen Tuchkleides in der Zunft Ehren-Farben.

Erst im 19. Jahrhundert ging nach halbtausendjähriger Dauer das Oberknechtamt ein. Sein letzter Inhaber war der Weissgerber Joh. Rudolf Schilling gewesen, der seinen Amtsantritt im Mai 1794 selbst mit dem sinnigen Vers verewigt hatte:

«Die E. Zunft gab mir das Recht
Zu dienen ihr als Oberknecht,
Gott schenk mir einst das Himmelsrecht
Zu dienen ihm als Unterknecht!»

Nach seinem Absterben beschloss der Zunftvorstand am 22. Januar 1828, die Stelle nicht mehr zu besetzen.

Wenn nun in unserer traditionsarmen Zeit der weiland Oberknecht zu Safran eine fröhliche Urständ feiert, so geschieht es in Erinnerung an jene bedächtigen und verschwiegenen Männer, deren jeder zu seinem redlichen Teil, durch Treue im Kleinen, das Ansehen und die Ehre der Zunft wahren und mehren half.